Eine Publikation der Binkert Medien AG
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Sebastian Riedmaier, Produktmanager, Jungheinrich AG, Moosburg : Ausgabe 03/2014, 18.03.2014

Den Automatisierungsgrad bestimmt der Kunde

Jungheinrich nahm am Standort Degernpoint Ende 2013 das Systemgerätewerk in Betrieb. Der Bau auf der grünen Wiese ist ein Paradebeispiel für die effiziente Produktion von Flurförderzeugen. Mit Schmalgangstaplern kann innert kürzester Zeit der Return on Investment in der Lagertechnik erreicht werden.

Auf 23 100 Quadratmetern Produktionsfläche ist das Werk Degernpoint für eine Produktionskapazität von über 3000 Fahrzeugen pro Jahr ausgelegt. 40 Millio­nen Euro wurden von der Jungheinrich AG in Gebäude und Anlagen investiert. Das ist die grösste Einzelinvestition, die das Unternehmen in seiner 60-jährigen Geschichte jemals getätigt hat. Produziert werden Vertikalkommissionierer mit 1,2 Tonnen Tragkraft und 9,5 Meter Hubhöhe, Man-up-Dreiseitenstapler mit 1,5 Tonnen Tragkraft und 17 Meter Hubhöhe sowie Man down-Geräte mit 1,5 Tonnen Tragkraft und 13 Meter Hubhöhe. Weiters werden Serienfahrzeuge (APM) für die Automatisierung ausgerüstet. Sebastian Riedmaier nahm im Interview Stellung zur Bedeutung der Schmalgangstapler in der Logistikautomatisierung und zu den Vorzügen des neuen Werks Degernpoint.

MH: Herr Riedmaier, welche Ansprüche hat der Kunde an die Funktionalität von Systemgeräten?

Riedmaier: Die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit ist gerade bei Schmalgangstaplern sehr wichtig. Bei jedem herkömmlichen Gabelstapler kann jederzeit ein Back-up organisiert werden. Bei Systemfahrzeugen besteht diese Möglichkeit nicht, weil das Fahrzeug kundenspezifisch für sein Regal-Layout gebaut worden ist. In der Regel stehen keine Mietgeräte, die für die jeweilige Applika­tion passend sind, zur Verfügung. Ersatzteilversorgung und Reparaturgeschwindigkeit haben bei Systemgeräten einen hohen Stellenwert.

Wenn Sie aber bereits in der Produktion der Fahrzeuge beste Qualität realisieren, haben Ausfälle beim Kunden Seltenheitswert. Das neue Systemgerätewerk in Degernpoint ist sicher die beste Grundlage dafür.

Die Qualität der in Degernpoint hergestellten Geräte repräsentiert Weltspitzenniveau. In den einzelnen Fertigungsprozessen haben wir Wert auf beste Produktionsqualität gelegt. Zudem verlassen nur Fahrzeuge das Werk, die in den vollauto­matischen Prüfständen auf Herz und Nieren getestet worden sind. Dabei werden die vertikalen und horizontalen Bewegungen einer Kontrolle unterzogen, ebenso die Standsicherheit. Die dabei erzielten Werte sind bei uns in den Maschinenprotokollen hinterlegt.

Warum ist Degernpoint das modernste Systemgerätewerk weltweit?

Dank der «Grünen-Wiese-Planung» konnten wir die Prozesse für den Materialfluss und die Montage optimal anordnen. Wir haben unsere jahrzehntelangen Erfahrungen aus dem Werk Moosburg hier sehr effizient in die Produktionsplanung einfliessen lassen. Die Lackieranlage, die Roboterschweissung und die Testbereiche sind nach dem neuesten Stand der Technik realisiert worden. Montiert wird auf Montagestrassen – getrennt nach 80- und 48-Volt-Geräten – auf FTS-Fahrzeugen. Hohe Produktivität und beste Qualität für unsere Kunden sind dadurch gesichert.

Warum ist der Schmalgangstapler das Schlüsselgerät der Systemtechnik?

Neben den Regalen und der dazugehörigen Fördertechnik ist er ein wichtiges und effizienzsteigerndes Gerät in der Systemtechnik. Die Schmalgangstaplerwelt macht etwa zwei Prozent der weltweit verkauften Flurförderzeuge aus. Dieser Anteil nimmt stetig zu. Überall auf der Welt wird der zur Verfügung stehende Platz für Lagerhäuser ständig teurer. Darum muss die Fläche besser genutzt werden. Es wird in die Höhe gebaut und Gangbreiten von unter 2 Metern werden gegenüber den Standardbreiten von 4,50 Metern je länger desto mehr bevorzugt. Das führt zu einer Verdoppelung der Lagerplätze auf gleicher Grundfläche. Ein weiterer interessanter Aspekt: In grossen Lagern sparen Sie mit automatisierten Systemgeräten etliche herkömmliche Flurförderzeuge ein, die Anzahl der Mitarbeitenden sinkt und die Schmalgangstapler arbeiten mit hoher Verfügbarkeit rund um die Uhr. So können Sie innerhalb kürzester Zeit den Return on Investment einfahren.

Sind 17 Meter Hubhöhe die Obergrenze für Schmalgangstapler oder ist es machbar, in noch grössere Höhen zu stapeln?

Es gibt immer wieder Anfragen, die Man-up-Dreiseitenstapler für grössere Hubhöhen als 17 Meter auszulegen. In diesen Höhen ist aus meiner Sicht die Grenze für Systemfahrzeuge erreicht.

Wie grenzt sich der Schmalgangstapler ausserdem noch vom Regalbediengerät ab?

Das Unterscheidungskriterium heisst Flexibiltät. Wenn dieser Faktor für meine Prozesse wichtig ist, gebe ich dem Schmalgangstapler den Vorzug. Ich brauche einheitliche Paletten von hoher Qualität. Ansonsten werden die Automatisierungsabläufe gestört. Darum schalten etliche Anwender der Lagertechnik eine Palettenqualitätskontrolle vor. Beim heutigen globalen Handel treffen oft Lieferungen ein, die eigentlich nicht den Anforderungen des Pflichtenheftes für das Regalbediengerät entsprechen. Der Faktor Mensch wird wichtig. Der Schmalgangstapler inklusive Kommissionierer hat darum seine Berechtigung. Das gilt insbesondere für Lager in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern.

Für welche Art von Lager ist der Schmalgangstapler prädestiniert?

Unsere Kunden hinterfragen sich auch, kann ich die gestellten Ausgaben mit Schubmast- oder Gegengewichtsstaplern lösen oder mache ich den Schritt in die Schmalgangstaplerwelt. Häufig finden Sie einen Mischbetrieb vor. Wenn Sie bei den Dienstleistern beispielsweise in Speditionen hineinschauen, finden Sie grösstenteils Schmalgang- und Breitgang-Lagerbereiche vor. Für Lager mit einer hohen Warenumschlagszahl und optimaler Raumausnutzung ist der Schmalgangstapler die richtige Lösung.

Warum bauen Sie Geräte mit 48 Volt und solche mit 80 Volt Betriebsspannung?

Das ist eine Forderung des Marktes. Es gibt Lager mit 17 Meter Höhe und Dreischichtbetrieb. Bei denen sind die Geräte stark gefordert. Hier empfiehlt es sich, die 80-Volt-Geräte einzusetzen. Es gilt der Grundsatz: Doppelte Spannung heisst halbe Ströme. Die Leitungen und Komponenten werden darum weniger warm. Für grosse Hubhöhen machen 48 Volt keinen Sinn. Der Hub frisst approximativ 80 Prozent des Stromes. Darum sind 80-V-Antriebe bei grossen Hubhöhen deutlich effizienter.

Sie haben die Entwicklung der Schmalgangstapler über Jahrzehnte selbst mitgemacht. Welche massgebenden Schritte haben diese Geräte zu dem gemacht, was sie heute sind?

In den 70er-Jahren war es die Einführung der Impulssteuerungen, welche die Energie nicht mehr in Ersatzwiderständen unnütz abfliessen liessen. Damals hat man mit den Geräten gerade einmal eine Schicht geschafft. In den 90er-Jahren kam dann die moderne Drehstromtechnologie dazu. Das Nutzsenken bzw. Nutzbremsen wurde realisiert. Der Zweischichtbetrieb mit einer Batterieladung wurde möglich. Als weiteren Quantensprung sehe ich die Einführung von GPS mittels RFID-Tags im Lager. Mit der Transpondertechnologie habe ich sehr viele Möglichkeiten. Die Navigation im Lager war der Schritt hin zur Vollautomatisierung.

Sind die Geräte mit der Integration von Elektronik komplexer und damit wartungsintensiver geworden?

Würde man meinen. Die heutigen Geräte sind mit wesentlich mehr Rechnerleistung und Sensorik ausgestattet. Beides lief aber parallel mit dem Versuch der Inge­nieure, trotz zunehmender Komplexität die Wartungs- und Servicefreundlichkeit der Schmalgangstapler zu steigern. Wenn Sie heute in den Motorraum eines Gerätes von vor zwanzig Jahren sehen und dies mit einem Motorraum heutiger Geräte vergleichen, werden Sie Folgendes feststellen: Alles ist wesentlich besser aufgeräumt, die Komponenten sind in Griffweite platziert und die Beschreibungen bzw. Illustrationen in den Service Manuals sind professionell ausgeführt. Trotz mehr verbauter Technologie ist der Umgang mit dem Gerät heute einfacher denn je.

Worauf führen Sie das zurück?

Früher hatten wir keine CAB-Bus-Systeme im Einsatz. Die heute integrierte Sensorik ist kompakter, robuster und standfester geworden. Bereits bei der Konstruktion kann mit den CAD-Systemen wesentlich systematischer eine vernünftige Anordnung der Komponenten realisiert werden. Im Fall einer Betriebsstörung kann ich mit Remote Service mit dem Laptop sehr rasch den Fehler eruieren.

Gab es auf der mechanischen Seite auch Fortschritte?

Durch die Pulsator-Tests bei der Entwicklung unserer Baureihen sind wir heute in der Lage, mechanische Module zu fertigen, die selbst im härtesten Einsatz länger halten als die Lebensdauer des Staplers beträgt. Es gibt heute viel weniger mechanische Ausfälle als noch vor Jahren.

Welche Schwerpunkte setzt Jungheinrich bei den Schmalgangstaplern auf der CeMAT in Hannover?

Wir demonstrieren die Möglichkeiten der Lagernavigation. Wir werden die ganze Palette von den manuell zu bedienenden über die halbautomatischen bis hin zu den vollautomatischen Schmalgangstaplern vor Ort haben.

Herr Riedmaier, besten Dank für Ihre inte­ressanten Ausführungen.


Info
Jungheinrich AG
5042 Hirschthal
Tel. 062 739 31 00, Fax 062 739 32 99
info@jungheinrich.ch, www.jungheinrich.ch



Der EFX 410-413 ist ein Elektro-Frontsitz-/Dreiseitenstapler mit einer Hubhöhe bis zu
7 Metern. (Bilder: Jungheinrich/Feurstein)


Sebastian Riedmaier: «Trotz mehr verbauter Technologie ist der Umgang mit den Geräten heute einfacher denn je.»


Uwe Ziesenhenne, Leiter Flurförderzeuge, Jungheinrich AG, Hirschthal

Nachgefragt bei Uwe Zieshenne, Jungheinrich AG

MH: Welchen Stellenwert hat der Schmalgangstapler auf dem Schweizer Markt?

Uwe Ziesenhenne: Im Verhältnis zum Gesamtvolumen von 5600 Fahrzeugen liegen die Systemgeräte bei etwas mehr als 2 Prozent. Ein Schmalgang­lager tritt grundsätzlich in Konkurrenz zu anderen Lagerarten, wie beispielsweise Breitgang­lager oder diverse Kompaktlagersysteme wie Shuttles oder Blocklager. Die Entscheidung für ein Schmalganglager benötigt die Basis bestimmter Voraussetzungen und bedarf daher in der Planungsphase vieler unterschied­licher Überlegungen mit dem Ziel der opti­malen Lösungsfindung für den Kunden.

Wie viele Systemgeräte werden pro Jahr in die Schweiz geliefert?

Das Marktvolumen liegt bei zirka 120 Fahrzeugen. Jungheinrich hat einen Marktanteil von 50 bis 60 Prozent.

In welchen Branchen und für welche Anwendungen gibt es Marktpotenzial in der Schweiz?

Der Vorteil für Schmalgangfahrzeuge liegt bei der Anzahl Palettenplätze, die durch die Reduzierung der Gangbreite zusätzlich im Lager gewonnen werden. Die Anwendung konzentriert sich auf den Kommissionierungsbereich in den oberen Ebenen und langsam drehende Artikel. Die Branchen sind dabei vielfältig. Hier kann man beispielsweise die Pharmaindustrie oder den Maschinenbau nennen, aber auch im Baustoffhandel werden Schmalganglager geführt.