Eine Publikation der Binkert Medien AG
Maik Manthey, Vice President New Business & Products, Linde Material Handling : Ausgabe 05/2014, 07.05.2014

Star Trek im Lager und selbstfahrende Autos

Am 84. internationalen Auto-Salon in Genf stellte Linde Material Handling die Technologie aus der Intralogistik für das autonome Fahren vor. Das Unternehmen unterstützt die Vision vom selbstfahrenden Auto im neuen Konzeptfahrzeug «XchangE» der Schweizer Rinspeed AG.

Mit der vollelektrisch angetriebenen Reiselimousine «XchangE», einem Highlight des diesjährigen Autosalons, hat Rinspeed-Chef Frank M. Rinderknecht die Vision des autonom fahrenden Autos präsentiert. Mit dabei am Rinspeed-Stand war Maik Manthey von der Konzernzentrale der Linde Material Handling GmbH in Aschaffenburg. Er nahm als Rinspeed-Systempartner zum Thema Synergien zwischen Flurförderzeug und visionärer Automobiltechnologie Stellung.

Material Handling: Herr Manthey, was ist der Grund für die wachsende Vernetzung rund um Staplerapplikationen?

Maik Manthey: In nahezu allen Gebieten der Welt wächst die Bevölkerung und damit der Warenumschlag. Die Entwicklung des Onlinehandels beflügelt den Trend zusätzlich. Dadurch wächst nicht nur der Weltmarkt für Linde-Flurförderzeuge, der mittlerweile bei etwa einer Million Fahrzeugen pro Jahr angekommen ist. Parallel dazu steigen die Anforderungen bezüglich Kosten- und Energieeffizienz im Bereich Material Handling stetig. Genau hier kommt die Vernetzung innerhalb der Umschlagzentren zum Tragen. Es muss mehr Wirtschaftlichkeit aus den Fahrzeugflotten herausgeholt werden. Die immer enger verzahnte Intralogistik ist zudem eingebettet in die bereits weit fortgeschrittene Vernetzung und Kontrolle des Materialflusses ausserhalb der Lagerhäuser, insbesondere was den Strassentransport anbelangt.

Staplerhersteller haben die interne Vernetzung in Lagerhäusern scheinbar problemlos im Griff. Das wäre doch auch auf den Strassenverkehr übertragbar?

Die Autoindustrie hinkt in der Daten­anbindung der Fahrzeuge gegenüber den in der Warehouse-Logistik bisher erzielten Praxisergebnissen überraschenderweise weit hinterher. Visionen, wie die hier in Genf von Rinspeed vorgestellten Fahrzeuge, werden erst dann Realität, wenn das übergeordnete Datenmanagement stabil funktioniert. Stapler sind längst mit ihrem Flottenmanagement in Kontakt. Der Verkehrsfluss in Lagerhäusern wird mit hoher Effizienz gesteuert, kontrolliert und protokolliert. In der Logistik geht es seit jeher um den Überblick. Die Entwicklungen werden vom ständig zunehmenden Kostendruck beflügelt. Der Strassenverkehr lernt seine intelligente Zukunft gerade erst kennen – die Logistik macht es vor.

Welche Aufgabe erfüllt die Konnek­tivitätslösung Linde connect: in den Konzeptfahrzeugen?

Die Hardwareeinheit von Linde connect: erfasst und überträgt die technischen Fahrzeugdaten der hier ausgestellten Fahrzeugstudie «XchangE». Sie sind notwendig, um den autonomen Fahrbetrieb zu überwachen. Welchen Nutzen es darüber hinaus hat, Fahrzeuge mit IT-Systemen zu vernetzen, zeigen wir hier in Genf zusammen mit der Deutschen Telekom. Dazu fungiert der «microMAX» – das App-Mobil mit Elektroantrieb von Linde MH, das 2013 in Genf Premiere feierte – in diesem Jahr als Linde-Servicefahrzeug und steht für die Verknüpfung von Linde connect: und der Telekom-App Arrival Control, die derzeit als Serviceerweiterung bei Linde MH getestet wird.

Was wollen Sie damit bezwecken?

Mit der im «XchangE» verbauten Data-Logging & Transfer-Einheit stellt Linde Material Handling die Funktionalität und Leistungsfähigkeit seiner connect:-Produktsuite dar. Diese Konnektivitätslösungen werden heute und künftig in den eigenen, aber auch fremden Flurförderzeugen eingesetzt, um einzelne Geräte oder ganze Fahrzeugflotten effizient zu warten, zu betreiben und zu steuern. Zudem übernimmt Linde connect: im «XchangE» auch die intelligente Zugangskontrolle mit RFID-Technologie.

Sind Massenverkehr und Staplermana­gement nicht zwei Paar Schuhe?

Auch wenn bei der Vernetzung von Autos die Verkehrssicherheit und beim Material­fluss Planbarkeit und Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt stehen – die techni­schen Anforderungen gleichen sich: Unzählige Fahrzeug- und Sensordaten müssen erfasst und aggregiert per Mobilfunk oder mit anderen Standards zu Servern übertragen werden. Dort greift dann ein Staplerleit- oder Flottenmanagementsystem oder eben eine Betriebsplattform, wie beim «XchangE», auf die Daten zu und verarbeitet sie.

Wozu dient die Verknüpfung von Linde connect: und der Telekom-App Arrival Control?

Die Verknüpfung von Linde connect: und der Telekom-App Arrival Control mit dem «microMAX» als Servicefahrzeug schlägt die Brücke zwischen dem Konzeptfahrzeug «XchangE» und der Automatisierung von Prozessen, die heute schon durch die Vernetzung von IT und Maschinen – sprich Industrie 4.0 – zu realisieren sind. Die Arrival-Control-App ist eine Business-Lösung für Service- und Logistikunternehmen, über die der Kunde per SMS, E-Mail oder Internet minutengenau den aktuellen Standort und die voraussichtliche Ankunftszeit eines Monteurs oder einer Warensendung verfolgen kann. Wir haben mit der Deutschen Telekom einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, um den Einsatz der Arrival-Control-App als Serviceerweiterung im Geschäftsbereich Customer Services zu testen.

Was bringt diese Kooperation den Kunden?

Durch einen weitgehend automatisierten Prozess von der Erfassung und Übertragung des Fehlercodes am Fahrzeug über die Ersatzteilbestellung und die Disponierung des Servicetechnikers (connect:) bis hin zur fortlaufenden Information des Kunden (Arrival Control) über den Status der Serviceprozesse ergeben sich grosse Zeiteinsparungen sowie ein hohes Mass an Transparenz und Planbarkeit für den Kunden. Die Ausfallzeit des defekten Fahrzeugs wird minimiert und die Serviceprozesse verkürzt, da zum Beispiel unnötige Anfahrten für die Fehlerdiagnose entfallen. Das bedeutet höhere Wirtschaftlichkeit und schont die Umwelt.

Wo liegen die Vorteile von Linde connect: im Bereich Flurförderzeuge?

Der Anreiz zum Einsatz der neuen Systeme ist schlicht, die Verschwendung von Mitteln zu vermeiden. Gabelstapler sind Investitionsgüter. Man möchte als Unternehmen daher zum Beispiel Leerfahrten vermeiden, stets den Stapler der richtigen Gewichtsklasse zum Transportgut schicken. Mit der intelligenten Koordinierung der Flotte behält man die Übersicht, optimiert die Wege und reduziert unnötige Kosten. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, wie die zentrale Kontrolle und Datenauswertung den Einsatz einer Fahrzeugflotte deutlich wirtschaftlicher gestalten kann.

Wie stellen Sie sich Logistikzentren in zehn Jahren vor?

Wir gehen davon aus, dass quasi alle Sensordaten einer Flotte – wie Energieverbrauch, Hebeleistung und vieles mehr – in Echtzeit an einen Kontrolldesk gesendet werden und dann ein Flottenmanager von dort die Stapler per Mausklick navigiert. Der Fahrer hat ein entsprechendes Display vor sich, auf dem er gelotst wird. Aus Sicht des Flottenmanagers könnte das ein Holodeck wie bei Star Trek sein, also eine simulierte Welt, die ein Warenumschlagszentrum zeigt, in dem die Flotte mit Handbewegungen gesteuert werden kann. So weit sind wir von dieser Vision mit connect: oder etwa den Staplerleit­systemen, an denen wir im Hause Linde gerade arbeiten, gar nicht mehr entfernt.

Zurück zu den in Genf vorgestellten Zukunftsvisionen: Werden Sie in naher Zukunft in einem solchen Rinspeed-Fahrzeug sitzen und mit was für einem Gefühl?

Der Strassenverkehr stösst an seine Grenzen. Es ist längst überfällig, angesichts der technischen Möglichkeiten, die uns die moderne IT und die Elektronik bieten, hier bahnbrechende Lösungen zu finden. Die Realisierung dieser Visionen wird das Autofahren grundlegend verändern. Das Autofahren ist nämlich nicht die Kernkompetenz moderner Individuen – speziell dann nicht, wenn man stundenlang im Stau steht. Da möchte ich doch lieber elektronisch fremdgefahren weit wichtigere Pendenzen erledigen. Diese Entwicklung wird mit einem Wandel in der automobilen Gesellschaft einhergehen. Selbstverständlich werde ich mich in ein solches Fahrzeug setzen, genauso wie ich mich heute auf einen Stapler setze, der mit unserem Linde connect: in Datenverbindung steht. Die Zukunft kann also kommen.

Herr Manthey, besten Dank für Ihre inte­ressanten Ausführungen.


Info
Linde Material Handling Schweiz
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Modernes Staplermanagement und die Vision des selbstfahrenden Autos entwickeln Synergien zueinander. (Bilder: Linde Material Handling)


Maik Manthey: «Der Strassenverkehr lernt seine intelligente Zukunft gerade erst kennen – die Logistik macht es vor.»


Mit dem elektrisch angetriebenen «microMAX» als Linde-MH-Servicefahrzeug zeigen die Deutsche Telekom und Linde Material Handling die Verknüpfung von Linde connect: und der Telekom-App Arrival Control.