Eine Publikation der Binkert Medien AG
Roger Schaffner, Auditor und Swiss Support IPAF Basel : Ausgabe 06/2014, 11.06.2014

Arbeitsbühneneinsätze im Vorfeld gründlich planen

Die International Powered Access Federation (IPAF) fördert, im weitesten Sinn, weltweit den sicheren und effektiven Einsatz von Höhenzugangstechnik durch die Bereitstellung technischer Auskünfte und Informationen, durch Einflussnahme und Interpretation von Bestimmungen und Normen, durch Sicherheitsinitiativen und Schulungsprogramme. Es ist eine «Not for Profit»-Organisation, die den Mitgliedern, bestehend aus Herstellern, Vermietern, Unternehmen und Anwendern, gehört.

Stürze bei zeitbegrenzter Arbeit in der Höhe sind eine der häufigsten Todesursachen bei Arbeitsunfällen. Mit Arbeitsbühnen und geschultem Personal kann das Unfallrisiko an jedem Arbeitsplatz bzw. auf der Baustelle erheblich reduziert werden. Material Handling stellte in diesem Zusammenhang Herrn Roger Schaffner einige Fragen.

Material Handling: Sie sind seit circa einem halben Jahr bei der IPAF im Büro Basel tätig. Welche Aufgaben haben Sie dort zu erfüllen?

Roger Schaffner: Einerseits bin ich als IPAF-Auditor tätig und unterstütze die in der Schweiz ansässigen IPAF-Ausbildungsfirmen bei ihrer Tätigkeit. Wir überwachen, ob die IPAF-Schulungen auch unseren Anforderungen entsprechen. Dies sowohl in Bezug auf die Trainerprüfungen als auch auf das Umfeld im ausbildenden Betrieb. Auch bei der Neuaufnahme von Betrieben, die der IPAF angehören möchten, führe ich Audits vor Ort. Auf der anderen Seite vertrete ich die IPAF Basel im Ausland.

Was ist das Interessante an Ihrem Job?

Für mich steht die Vielseitigkeit an vorderster Stelle. Seit dreissig Jahren arbeite ich in der Arbeitsbühnenbranche und kann so mein Know-how in die anstehenden Aufgaben bestens einbringen.

Welcher Grundgedanke steckt hinter den Aktivitäten der IPAF?

Wir wollen den Standard der Arbeitssicherheit vom Hersteller bis hin zum Endanwender auf ein möglichst hohes Niveau bringen und kontinuierlich steigern. Da­rum sind wir weltweit mit den namhaften Herstellern im engen Kontakt und bringen unsere Erfahrungen, aber auch die der Anwender ein. Unser Schulungssystem hat sich weltweit bewährt. Der Name IPAF ist in unserer Branche, aber auch darüber hinaus zu einem Qualitätsbegriff geworden.

Wo sehen Sie die wesentliche Gefahr beim Umgang mit Arbeitsbühnen?

Es ist in erster Linie der Faktor Höhe. Im Zentrum steht dabei das Kriterium «guter Untergrund». Bei der Ausführung von Arbeiten mit Bühnen ist prioritär darauf zu achten, wie die Bodenbeschaffenheit im Bereich des Aufstellungsortes eingestuft werden soll. Wenn diese Frage klar beantwortet ist und entsprechende Massnahmen ergriffen worden sind, ist die Basis für ein sicheres Arbeiten mit der Arbeitsbühne gegeben. Diese Abklärung der Bodenverhältnisse wird leider teils übergangen, was dann zu Arbeitsunfällen führen kann. Ich muss dazu sagen, dass wir in der Schweiz in den letzten Jahren von schweren Unfällen mit Arbeitsbühnen verschont geblieben sind. Der Standard und die Durchdringung der Ausbildung in den Betrieben hat mittlerweile ein sehr hohes Niveau erreicht.

Mit welchen Massnahmen können solche Unfälle verhindert werden?

Die Wahl der richtigen Maschine für eine bestimmte Aufgabe ist sehr wichtig. Das gilt auch im Hinblick auf die Effizienz in der Höhe. Diese Umgebungsbedingungen werden vom Aussendienst in unserer Branche protokolliert und dann wird zusammen mit dem Maschinenbediener der anstehende Auftrag besprochen. Die Funktion des Aussendienstes erachte ich als sehr wichtig. Man kann nicht im Zeitdruck unvorbereitet an eine Baustelle gelangen, ohne Details über den Einsatz zu wissen.

Gibt es heute noch Staplerfahrer, die Personen mit der Gabel in die Höhe bringen?

Ich bin der Überzeugung, dass die Informationsbemühungen der Suva in diesem Bereich für eine grosse Sensibilisierung gesorgt haben. Das sieht man auch anhand der Unfallstatistik. Seit der Betrieb von Arbeitskörben im Zusammenhang mit Flurförderzeugen verboten ist, sieht man solche Behelfe in den Betrieben nicht mehr. Dieses Verbot hat in unserer Branche zu einer sehr starken Zunahme des Verkaufs von Kleingeräten im Zehn-Meter-Bereich geführt.

Wie arbeitet die IPAF mit der Suva zusammen?

Im Moment sind wir Teil einer Fachkommission, der nebst Suva und IPAF auch noch der VSAA (Verband Schweizerischer Arbeitsbühnenanbieter) angehört. Die Artikel 6 und 8 der VUV (Verordnung über die Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten) als Grundlage für Ausbildung, Schulung und Instruktion sagen derzeit für den Anwender sehr wenig aus. Der Satz, der Arbeitgeber müsse alles unternehmen, damit seine Mitarbeitenden sicher arbeiten, lässt unseres Erachtens zu viel Spielraum für juristische Interpretationen offen. Wir wollen ein bisschen mehr Licht in diese Materie bringen, damit die Leute in der Praxis klarer wissen, was eigentlich gemeint ist.

Wo soll in dieser Hinsicht der Hebel angesetzt werden?

Ein langfristiges Ziel sollte es sein, über die EKAS-Richtlinie (Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit) eine Legislative zu finden, die dieses Thema klar definiert. Für die Staplerbranche ist das bereits vor Jahren geschehen. Wir geben dazu Fachempfehlungen weiter, wie in Zukunft eine Ausbildung zu geschehen hat.

Die Arbeitsbühnen selber sind auf einem extrem hohen technischen Niveau. Geht von diesen Geräten noch eine Unfallgefährdung aus?

In der Tat sind die modernen Geräte mit solchen von vor zwanzig Jahren nicht mehr zu vergleichen. Das kommt dem Maschinenbediener zugute. Die neueste Entwicklung – Einklemmschutz – wird bereits diskutiert und sicher bald realisiert. Damit soll beim Verfahren der Arbeitsbühne ein Einklemmen von Personen mit Strukturen verhindert werden. Speziell hoch ist die Gefahr von eingequetschten Personen im Stahlbau, aber auch bei Arbeiten im Bereich von Decken und Leitungen. Im Gefahrenfall wird über die Steuerung ein Sicherheitsstopp ausgelöst. Bei all dem technisch hohen Niveau der Maschinen heisst es aber noch lange nicht, dass jedermann mit solchen Maschinen umgehen kann. Ohne effiziente Ausbildung geht das nicht.

Wo lauern dennoch Gefahren im maschinenseitigen Bereich?

Die Maschinenrichtlinie sagt klar aus, wie ein sicher konstruiertes Gerät auszusehen hat. Dennoch gibt es im Praxiseinsatz erfinderische Leute, die versuchen, defekte Bauteile einer Steue­rung zu überbrücken. Damit wird der Betrieb der Arbeitsbühne zu einer höchst gefährlichen Angelegenheit. Wir führen bei der IPAF eine international angelegte Unfalldatenbank. Daraus ersehen wir, welche Unfälle warum und mit welchen Geräten passieren. Wir versuchen neu, in dieser Datenbank das Thema Maschinenmanipulationen zu integrieren. Das heisst, auch die Hersteller wissen dann, welche Geräte mit welchen Überbrückungen häufig manipuliert werden. Sie können dann ihre Sicherheitssysteme entsprechend anpassen.

Trotz Vorschriften und Verboten scheint mir ein Faktor ganz wichtig, nämlich der Mensch, den es zu schützen gilt. Bei vielen Unfällen geht die Gefahr von ihm selber aus und er ist der Leidtragende. Wie kann man den Sensibilisierungsgrad noch effizienter gestalten?

Gute Information ist das Um und Auf. Sei es vonseiten des Vorgesetzten oder auch durch den direkten Kontakt mit uns. Es ist wichtig, das Bewusstsein für sichere Prozesse in allen Betriebsbereichen in den Mitarbeitenden zu verankern. Ich sehe das Thema Betriebssicherheit als Teamarbeit, an der alle ihren Beitrag leisten sollen. Und Sicherheit macht Spass. Sicheres Arbeiten in der Höhenzugangstechnik ist für mich auch ein motivierender Faktor.

Ist der Einsatz von Arbeitsbühnen in der Logistik von Interesse?

Gerade in grossen Lagern sind immer wiederkehrend Wartungsarbeiten durchzuführen. Man sieht dort vermehrt Arbeitsbühnen, die von den Logistikleitern angeschafft wurden. Dasselbe gilt für Produktionsbetriebe. Interessant ist, dass einige Staplerschulungszentren IPAF-zertifizierte Arbeitsbühnenausbildung anbieten.

Die IPAF ist letztes Jahr dreissig Jahre alt geworden. Wie würden Sie rückblickend diese Organisation bewerten?

Ich würde die Aktivitäten der IPAF als Erfolgsgeschichte bezeichnen, die ihresgleichen sucht. Das Faszinierende daran ist, dass die Arbeitsbühnenbranche weltweit – praktisch als Familie – von der IPAF unter einen Hut gebracht worden ist. Es ist egal, ob sie in Norwegen oder beispielsweise in Südafrika Arbeitsbühnenausbildung nachfragen. Die PAL-Card ist weltweit zu einem Begriff geworden.

Herr Schaffner, besten Dank für Ihre inte­ressanten Ausführungen.


Info
IPAF-Basel
4052 Basel
Tel. 061 227 90 00, Fax 061 227 90 09
info@ipaf.org, www.ipaf.org

Arbeitsbühnen der führenden Hersteller haben heute einen hohen Sicherheitsstandard erreicht. (Bilder: IPAF/Feurstein)


Roger Schaffner: «Die Funktion des Aussendienstes erachte ich als sehr wichtig.»


Die PAL-Card ist weltweit zu einem Begriff geworden.