Eine Publikation der Binkert Medien AG
R. Nussbaum AG in Trimbach modernisiert und erweitert Zentrallager mit Dematic : Ausgabe 06/2014, 12.06.2014

Service mit Tradition und Zukunft

Der führende Schweizer Anbieter von Systemen für die Trinkwasserinstallation Nussbaum hat die Kapazität und Leistungsfähigkeit seines Logistikzentrums entscheidend erhöht. Gemeinsam mit dem Intralogistiksystemhaus Dematic hat das Unternehmen neben dem bestehenden HRL eine Gesamt­lösung, bestehend aus einem viergassigen AKL im Erdgeschoss sowie einem viergassigen Multishuttle mit zwölf Ebenen im Untergeschoss, realisiert. Mit der parallelen Einführung von SAP EWM als Lagersteuerungs- und Materialflusssystem ist Nussbaum nun für weiteres Wachstum gerüstet.

«Gut installiert» – dieser Leitsatz von Nussbaum könnte ebenso gut für die neuen Logistikanlagen und -prozesse stehen, die das traditionsreiche Schweizer Unternehmen Ende August 2013 zusammen mit Dematic in Betrieb genommen hat. Das in vierter Generation geführte Familienunternehmen hat seine Logistik im Zent­rallager auf neue Füsse gestellt, um die schnelle Lieferfähigkeit gegenüber seinen Kunden auch in Zukunft zuverlässig und mit hoher Qualität gewährleisten zu können. Nussbaum sieht sich als Partner der Sanitär­installateure und bietet komplette Systeme für die Trinkwasser-, Sanitär- und Heizungsinstallation sowie für die Kälte- und Industrieanlagen an. Dazu betreibt Nussbaum in Trimbach neben dem Zentrallager eine Giesserei sowie eine Produktion für Armaturen. Das 1903 in Olten gegründete und dort domizilierte Unternehmen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen und konnte 2012 mit seinen rund 400 Mitarbeitern erstmals einen Umsatz von über 180 Mio. Franken erzielen.

Wachstum erfordert neue Logistiklösungen

Im Zentrallager hält Nussbaum circa 5000 verschiedene Artikel vor. Denn Ware, die von den Kunden bis 17.30 Uhr bestellt wird, verlässt noch am gleichen Tag das Logistikzentrum und wird am nächsten Tag schweizweit zugestellt. «Wir haben hier aber nicht nur eine Zentrallagerfunktion, sondern sind auch einer von 15 Filial­standorten in der Schweiz, das heisst, wir bieten den Sanitärinstallateuren das benötigte Material direkt zur Mitnahme inklusive Fachberatung an», erklärt Thomas Schläfli, Leiter Logistik und Beschaffung bei der R. Nussbaum AG. Solche Abholaufträge haben im Logistikzentrum höchste Priorität und müssen sofort bearbeitet werden. Aufgrund des starken Wachstums stiess Nussbaum mit dem 2004 erbauten Lager und den überwiegend manuell organisierten Prozessen jedoch an ihre Kapazitätsgrenzen und geriet zunehmend unter Druck, die täglich 600 bis 800 Aufträge zu kommissionieren und innerhalb der Ablieferzeitfenster an die Transportdienstleister zu übergeben. «Wir mussten zur Bewältigung des Volumens immer mehr Mitarbeiter einsetzen. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Prozesse immer ineffizienter wurden, die Ablieferqualität aufgrund der hohen Arbeitsbelastung sank und die Kosten überproportional anstiegen», erinnert sich Schläfli. Daher entschied Nussbaum, die Lagerkapazitäten zu erweitern und die Prozesse weitgehend zu automatisieren.

Überzeugendes Konzept

Bei der Suche nach einer geeigneten Lösung konnte die Anbieterin für Logistikautomatisierung Dematic mit Hauptsitz in Offenbach mit ihrem Konzept überzeugen. «Wir wollten unbedingt die bestehenden Lager weiter nutzen und allenfalls durch eine Bauerweiterung ein neues modernes Lager mit mehr Platz, mehr Automatisierung sowie schnelleren Prozessen bei hoher Kommissionierqualität realisieren», erläutert Schläfli die Vorgaben. Zudem sollte die alte Lagerverwaltungs- und Steuerungssoftware abgelöst werden. Ausschlaggebend für die Wahl von Dematic war neben der Einhaltung der vorgegebenen Restriktionen die Gesamtlösung, die auch die nächsten Wachstumsschritte bereits berücksichtigt. Die heutige Anlage integriert das bestehende HRL mit rund 4000 Stellplätzen, das jetzt als Lager für Paletten mit schweren, beziehungsweise aufgrund der Grösse nicht behälterfähigen Artikeln dient. Alle anderen Artikel werden entweder bereits in der Produktion oder im Wareneingang in die 400 × 600 × 220 mm grossen Behälter gepackt, im System vereinnahmt und anschliessend in das neue automatische Kleinteilelager (AKL) oder ins Multishuttle eingelagert. Dafür ist neben dem HRL ein fast baugleicher Zwillingskubus entstanden, der sowohl das viergassige AKL im Erdgeschoss als auch das ebenfalls viergassige Multishuttle im Untergeschoss aufnimmt. Im kopfseitig angrenzenden Bestandsgebäude wurde wiederum Platz geschaffen für die Fördertechnik und vier Kommissionierarbeitsplätze aus dem Multishuttle.

Multishuttle mit Sorterfunktion

Das AKL mit Platz für rund 42 600 Behälter bei doppeltiefer Lagerung dient als Nachschublager für das Multishuttle. Die Kommissionierleistung der MiniLoad- Regalbediengeräte erreicht dabei bis zu 100 Doppelspiele pro Gasse und Stunde. Über einen Lift gelangen die Behälter vom Erdgeschoss ins Multishuttlelager, das auf 12 Ebenen bei doppeltiefer Lage­rung 13 400 Behälter aufnehmen kann. Nussbaum hat sich bewusst für die neue Multishuttle-Generation mit den leichteren Shuttlefahrzeugen entschieden, die Geschwindigkeiten bis 4 m/s und Beschleunigungswerte von 2 m/s2 erreichen. Dadurch sind auf dieser Anlage bis 600 Doppelspiele pro Gasse und Stunde möglich. Aus dem Multishuttle werden die vier über Fördertechnik angebundenen Kommissionierarbeitsplätze mit Artikelbehältern und auch mit Leerbehältern versorgt. An einem Arbeitsplatz können bis zehn Aufträge gleichzeitig kommissioniert werden. Dazu ist oberhalb der Kundenauftragsbehälter ein Pick-by-Light-System installiert. Über einen Bildschirm wird dem Kommissionierer u. a. ein Foto der bestellten Ware angezeigt, während die Anzeige über den Kundenauftrags­behältern informiert, in welchen Behälter und in welcher Stückzahl die Ware gelegt werden muss. «Bei der Gestaltung der Arbeitsplätze spielte das Thema Ergonomie für die Mitarbeiter eine grosse Rolle. Die Technik sollte einfach bedienbar sein, damit weniger Fehler gemacht werden und hohe Pick­leistungen beziehungsweise Geschwindigkeiten erreicht werden können», betont Schläfli. In Spitze können so über alle vier Stationen 960 Artikelbehälter sequenziert in der Stunde abgearbeitet werden. An auftragsstarken Tagen werden bei Nussbaum rund 7500 Positionen kommissioniert.

Das Multishuttle wird bei Nussbaum auch als Sorter genutzt, was bedeutet, dass die zu einem Auftrag gehörenden Artikelbehälter sequenziert in einer bestimmten Reihenfolge z. B. nach Warengruppen oder für die eigenen Filialen auch nach Artikelpositionierung im Regal ausgelagert und an den Packplatz des Warenausgangs gebracht werden. Diese Funktion wurde von Dematic IT-seitig realisiert. «Meistens ist das in Logistikzentren eine Hardwarelösung. Bei uns ist es eine Softwarelösung, weil das Multishuttlelager so eine hohe Leistung bringt», erklärt Schläfli.

Für die versandfertige Verpackung der Kundenaufträge in Kartons sind im Erdgeschoss neben den bestehenden Palettenpackplätzen zwei ergonomisch optimierte Packplätze neu installiert. Diese sind direkt über Fördertechnik an die Kommis­sionierung und die einzelnen Lagerbereiche angebunden. Eine Besonderheit ist der über die Fördertechnik angebundene Theken­arbeitsplatz für Selbstabholer. Kommt von hier ein Auftrag rein, muss die Anlage diesen sofort bearbeiten. Dazu werden alle auf der Anlage befindlichen Behälter mithilfe der Freifahrfunktion auf Pufferplätze gefahren, damit die von der Theke angeforderten Artikelbehälter direkt aus dem Multishuttle zum Thekenarbeitsplatz transportiert werden können. Dort entnimmt ein Mitarbeiter die benötigte Menge und schiebt den Behälter wieder ab. «So können wir die Ware innerhalb von drei Minuten, ab Auslösen der Bestellung, kommissionieren und dem Kunden übergeben», freut sich Schläfli über den hohen Servicegrad, den Nussbaum damit bieten kann.

Umstellung auf zukunftssicheres SAP EWM

Parallel zu der Erweiterung im Lager hat Nussbaum ihr altes Lagerverwaltungs- und Steuerungssystem abgelöst und Dematic mit der Einführung von SAP Extended Warehouse Management (EWM) beauftragt. Das System ist Bestandteil von SAP Supply Chain Management (SAP SCM) und unterstützt die komplexen und hochautomatisierten Prozesse in modernen Lagern. «Dematic hat uns ein Lagerkonzept entwickelt, das uns Hardware-seitig gefällt und gleichzeitig die Möglichkeiten von SAP EWM aufgezeigt. Wir setzen damit auf eine zukunftssichere und flexible offene Software. Dabei hat uns besonders gefallen, dass der Materialflussrechner bereits im System integriert ist und wir bei Dematic alles aus einer Hand kriegen», begründet Schläfli die Entscheidung. Zudem konnte Dematic durch die Direktanbindung der speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS) bei der neuen Anlage mithilfe der SubDriver-Lösung auf zusätzliche Middleware verzichten. Der SubDriver ist eine wartungsfreie SPS-Baugruppe, die, im Schaltschrank installiert, die RFC-Daten aus dem SAP-System in TCP/IP-Daten für die Kommunikation mit speicherprogrammierbaren Steuerungen umwandelt. Die Inbetriebnahme erfolgte in zwei Stufen und beinhaltete zunächst die Ablösung der alten IT und die Implementierung von SAP EWM im bestehenden Lager. In einem zweiten Schritt wurden Ende August die neuen Anlagenbereiche dazu geschaltet.

Die umfangreichen Funktionstests vorab – vor allem für die neue Software – konnten überwiegend nur am Wochenende durchgeführt werden, um den laufenden Betrieb nicht zu stören. «Die Zusammenarbeit mit Dematic war extrem arbeitsreich, spannend und intensiv. Miteinander haben alle am gleichen Strick gezogen», lobt Schläfli.

Erweiterungsoptionen inklusive

«Noch ist dieses Lager Bestandteil im heutigen Produktionsgebäude – ein Palettenlager mit rund 1500 Paletten und 3 Paternoster-Türmen. Insgesamt etwa 10 000 Artikel. Dann haben wir im Zentrallager 2 Lagerarten in einem – Produktionsware und Fertigware», skizziert Schläfli das Vorhaben und verweist sogleich auf die bereits vorinstallierten Erweiterungsoptionen: «Im AKL nutzen wir derzeit nur 2 von 4 Gassen. Für einen weiteren Wachstumsschritt steht also schon der Stahlbau, der nur noch um das Regalbediengerät und die Gassenausrüstung erweitert werden muss. Auch im Multishuttlelager nutzen wir erst 9 von 12 Ebenen. In der Kommissionierung könnten wir zudem noch 4 weitere Arbeitsplätze installieren.» In einem Folgeprojekt will Nussbaum zudem 2014 die Produktion per Fördertechnik anbinden, um die Produktionslinie direkt mit Behältern versorgen und die fertigen Produkte direkt ins AKL oder Multishuttle einlagern zu können. Dann geht die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden Unternehmen voraussichtlich in die nächste Runde.


Info
Dematic GmbH
8902 Urdorf
Tel. 043 455 60 60, Fax 043 455 60 70
info.ch@dematic.com, www.dematic.ch

Das AKL bietet Platz für 42 600 Behälter bei doppeltiefer Lagerung.


Der Kommissionierer sieht das Bild der Ware als Foto eingeblendet.


Multishuttlebetrieb im Behälterlager der R. Nussbaum AG. (Bilder: Dematic)