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Dr.-Ing. Ralf Garlichs, Executive Vice President Products & Technology der Interroll-Gruppe : Ausgabe 07/08/2014, 25.08.2014

Der Komplexität «den Zahn gezogen»

Interroll präsentierte an zwei Anlässen auf der CeMAT und im Kompetenzzentrum in Sinsheim/Deutschland die neuen Fördermodule. Diese wurden im bisher umfangreichsten Entwicklungs­projekt in der Firmengeschichte des Unternehmens realisiert.

An der CeMAT konnten die neuen Fördermodule stand-alone begutachtet werden. Das Interesse der Messebesucher zeigte sich an den regen Aktivitäten am Interroll-Stand. In einer weiteren Präsentation im Werk Sinsheim war es dann so weit: Auf Knopfdruck wurde die Präsentations­förderstrecke in Betrieb genommen. Me­dienvertreter konnten sich von der Effizienz der Neuentwicklung überzeugen. «Material Handling» hatte an diesem Anlass Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dr. Ralf Garlichs, der bei Interroll für die Produkte- und Technologieentwicklung verantwortlich zeichnet.

Material Handling: Herr Dr.-Ing. Garlichs, welchen Stellenwert hat der Begriff Indus­trie 4.0 für die Interroll-Gruppe?

Dr. Ing. Ralf Garlichs: Die Interroll-Gruppe ist im Bereich der Wertschöpfungskette der Intralogistik aktiv. Die Frage steht im Raum, wie Systemintegratoren, OEMs und Produktlieferanten wie Interroll enger miteinander kooperieren können. Ein Kernthema in diesem Kontext sind die Schnittstellen bzw. die Flexibilität. Unsere Aufgabe ist die Umsetzung dieser Vorgaben in Form einer intelligenten Wertschöpfungskette. Die neuen Fördermodule sind das Ergebnis unserer Bemühungen, einen Meilenstein in diesem Marktsegment zu setzen.

Sie haben in einer gross angelegten Kundenbefragung im Vorfeld der Entwicklung die Kunden zu Wort kommen lassen. Welche Erkenntnisse hat Interroll daraus gewonnen?

Die Kunden wünschen neben einem günstigen Preis/Leistungs-Verhältnis vor allem Einfachheit. Die gesamte Automatisierung von Logistikanlagen ist komplex genug. Darum sind Förderstrecken gefragt, die passgenau in die Anlage implementiert werden können. Wichtig dabei ist eine einfache Planung. Eine solche reduziert letztendlich den Aufwand der Kunden. Nacharbeiten auf der Baustelle müssen vermieden werden. Plug and Play ist mit unseren perfekt aufeinander abgestimmten Fördermodulen machbar.

Wie flexibel sind Ihre neuen Fördermodule?

Wir sind stolz darauf, erstmals eine weltweit durchgängig einsetzbare modulare Förderplattform verwirklicht zu haben. Die Produkte werden hier in Sinsheim und in weiterer Folge dann in Atlanta/ USA und Suzhou/China gefertigt, und dies mit gleichbleibend hochwertiger Qualität und Lieferfähigkeit. Die neuen Module bieten ein Höchstmass an Integrationsfähigkeit. Unser gesamtes Produktsortiment für den Bau von effizienten Förderstrecken kann damit kombiniert werden.

Was bedeutet das für den Kunden?

Dank dieser Flexibilisierung kann er rascher als je zuvor auf sich verändernde Auftragsbedingungen reagieren. Veränderungen im Bereich von Lastspielen, Wegszenarien und Wartungsprotokollen sind damit kurzfristig realisierbar. Die neuen Fördermodule sind unsere Antwort auf den stetigen Wandel in Produktion und Lagerhaltung. Die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Wer weiss heute, was er in fünf Jahren produzieren wird und in welcher Menge?

Wo liegen die Vorteile der neuen Fördermodule?

Unsere Anlagen sind in der unteren Automatisierungsebene  – der Feldbusebene – im Einsatz. Wir bei Interroll haben uns vom Beginn der Entwicklung an auf die Fahnen geschrieben, eine neutrale Lösung auf die Beine zu stellen. Deshalb basieren auch die neuen Fördermodule auf offenen Standards. Damit werden die Schnittstellen zu grösseren Systemen sowohl bei der Hardware als auch bei der Software einfacher. Das bringt für uns weniger Anpassungsaufwand auf der Baustelle, weil alles perfekt miteinander gekoppelt werden kann. Zudem bieten wir dank der Modularität unserer Plattform die besten Lieferzeiten der Branche. Für den Kunden wird die Installa­tionszeit erheblich reduziert, was zu einer schnelleren Projektumsetzung führt.

Können Sie die Reduktion des Anpassungsaufwandes an der Baustelle an einem Beispiel erklären?

Nehmen wir unseren High-Performance-Divert (HPD) – in Deutsch Ausschleuser. Dieses Modul wurde als eigenständige Kassette entwickelt. Sie ist immer 120 mm (zwei Rollen­reihen) lang und weist die Breite des Förderers auf. Verschiedene Kassetten können entsprechend den Anforderungen der jeweiligen Förderaufgabe der Förderstrecke in einer Sequenz angeordnet werden. Das geht nunmehr sehr einfach. Wir nehmen zwei Rollenreihen raus und setzen die Kassette ein. That’s it. Wir brauchen keine handwerklichen Fähigkeiten und Trennschleifer mehr dafür.

Wer Anlagen schnell in Betrieb setzt, möchte auch in der Planungsphase keine Zeit verlieren. Was bietet Interroll für den raschen Planungsablauf?

Unsere vorgefertigten Lösungen basieren auf vordefinierten Modulen. Damit wird die Projektplanung einfacher und sicherer. Der Kunde hat die Möglichkeit, mit der benutzerfreundlichen Software «Layouter» alle verfügbaren Module für seine Anforderungen passend am Bildschirm zusammenzubauen. Wir bilden im «Layouter» unsere modulare Plattform ab.

Wie stufen Sie die Betriebsausgaben solcher Förderstrecken ein?

Interroll ist Vorreiter der 24-Volt-Antriebstechnik in der Intralogistik. Die RollerDrive ist der meistverwendete Antrieb für die staudrucklose Förderung. Im Vergleich zu zentralisierten Antriebssystemen lassen sich mit einem über RollerDrive getriebenen Gurtförderer bis zu 30  Prozent Energie einsparen. Ausserdem werden unsere Förderbänder von kompakten, platzsparenden Trommelmotoren angetrieben, die deutlich effizienter als konventionelle Antriebe sind. Technologie von Interroll rechnet sich auch über die Lifetime Costs.

Was hat sich intern in der Produktion mit der Einführung der neuen Fördermodule geändert?

Beim Vorgängerfördermodul haben wir mehrere Tausend Einzelteile für die Fertigung benötigt. Nunmehr kommen wir mit mehreren Hundert Teilen aus.

Eine massive Reduktion. Was bedeutet das für Sie?

Im Zusammenhang mit Industrie 4.0 fordern unsere Kunden, die neuen Fördermodule vor Ort – also in Asien oder Amerika – anzubieten, um die Lieferzeiten einhalten zu können. Wenn wir nur in Sinsheim produzieren würden, wären wir nicht wettbewerbsfähig. Die Fertigung in China oder den USA ist für uns nur wegen dieser überschaubaren Anzahl von Einzelteilen realisierbar. Die Reduktion der Produktkomplexität ermöglicht uns, die Fördermodule an verschiedenen Orten weltweit anbieten zu können.

Sie sind massgeblich an der Gründung der Interroll Academy beteiligt gewesen. Wie wichtig ist der Faktor Ausbildung bei der weltweiten Einführung der neuen Fördermodule?

Wir haben bisher hier in Sinsheim in der Interroll Academy Personal aus Europa auf die neue Technologie vorbereitet. Zu Beginn des Ausbildungsprozesses standen E-Learning-Schritte, die in verschiedenen Stufen absolviert werden konnten. Abgeschlossen wurde mit einer Prüfung. Wir hatten das Ziel, dass alle unsere Mitarbeitenden an der CeMAT die Kunden intensiv über unser neues Produkt beraten konnten. Wer die Prüfung erfolgreich bestanden hat, konnte sich in Sinsheim direkt vor Ort an der realen Technik weiteres Know-how über die neuen Fördermodule aneignen.

Wo liegt Ihrer Meinung nach die Unique Selling Proposition (USP) von Interroll?

Wir sind Produktlieferant und kein Systemintegrator. Viele andere Wettbewerber bieten in unserem Marktsegment Komplettlösungen an. Unser Verhältnis zum Markt basiert auf Neutralität. Darum auch die Offenheit bei den Schnittstellen der neuen Fördermodule. Wir konzentrieren uns da­rauf, in unserem Kerngeschäft Produkte zu entwickeln, die neue Standards setzen. Wir wollen dem Kunden Fördertechniklösungen in die Hand geben, die ihn in seinem Business erfolgreicher machen. Unsere neue Plattform eignet sich als Outsourcing-Lösung für Intralogistikanbieter.

Wenn der weltweite Marktführer an der CeMAT einen Schritt vorwärts geht, darf man doch Reaktionen erwarten?

Das Feedback – auch unserer Mitbewerber  – ist ganz klar in eine Richtung gegangen: Ihr habt sehr viel richtig gemacht. Das ist für mich eine Anerkennung des Marktes für unsere intensive Entwicklungsarbeit.

Herr Garlichs, besten Dank für Ihre interessanten Ausführungen.


Info
Interroll (Schweiz) AG
6592 Sant’Antonino
Tel. 091 850 25 25, Fax 091 850 25 00
info@interroll.com, www.interroll.com



Die neuen Fördermodule lassen sich beliebig untereinander anordnen und sind sowohl für schweres als auch für leichtes Transportgut einsetzbar. (Bilder: Interroll)


Dr.-Ing. Ralf Garlichs: «Die neuen Fördermodule sind die Schlüsselelemente unseres Systembaukastens.» (Bilder: Interroll)


Der HPD-Ausschleuser lässt sich nach der Herausnahme von zwei Rollenreihen problemlos in die Förderstrecke integrieren.