Eine Publikation der Binkert Medien AG
Schweizer Staplerbranche zwischen zwei Grossanlässen : Ausgabe 07/08/2014, 26.08.2014

Der Markt braucht eine starke Pack&Move

Die Branche ist in Bewegung. An der CeMAT in Hannover stellten die grossen Staplerhersteller ihre Neuigkeiten dem Fachpublikum vor. Vom 9. bis 12. September gilt es nun für die Schweizer Vertretungen, diese neuen Geräte im kleineren Rahmen an der Pack&Move in Basel dem Schweizer Markt zu präsentieren. «Material Handling» lud deshalb Vertreter dieser Firmen zu einem Gedankenaustausch in die Verlagsräume nach Laufenburg ein.

Premiere bei «Material Handling»: Erstmals wurde am 26. Juni 2014 ein Laufenburger Gespräch für die Technologiebereiche Intra­logistik, Materialfluss & Automation durchgeführt. Im Mittelpunkt der Diskus­sionen standen die Erkenntnisse nach dem Besuch der CeMAT sowie neben technischen Fragen auch die künftige Ausrichtung der Schweizer Staplerbranche. Stefano Ghilardi, Leiter Vertrieb/Mitglied der Geschäftsleitung der Linde Material Handling Schweiz AG und swisslifter-Präsident, Ralph Cox, Managing Director der Toyota Material Handling Schweiz AG, sowie Roberto Chechele, Leiter Verkauf der Jung­heinrich AG, nahmen am Gespräch teil.

MH: Was habt ihr für einen Eindruck von der CeMAT in Hannover mitgenommen?

Ralph Cox: Die CeMAT erachten wir als wichtige Messe. Mir ist aufgefallen, dass sich die Messelandschaft zusehends verändert. Sie splittet sich auf. Das wird durch die weltweiten Aktivitäten der Deutschen Messe AG unterstrichen. Wir haben nicht nur eine CeMAT in Hannover, sondern auch noch weitere CeMAT-Messen an geografisch weit voneinander entfernten Orten. Ich denke, dass die Veranstaltung in Hannover je länger desto mehr auf das europäische Einzugsgebiet fokussiert sein wird.

Roberto Chechele: Man muss bedenken, dass die Medien die CeMAT in Russland, China oder anderswo stark propagieren werden. Meines Erachtens werden diese Veranstaltungen an Bedeutung gewinnen, da dort zudem die Märkte im Wachstum begriffen sind. Unser Unternehmen stellte an der CeMAT – wegen der Internationalität der Messe – Fahrzeuge für Europa und auch für die weltweiten Absatzmärkte aus. In Zukunft könnte ich mir vorstellen, dass in Europa nur noch Flurförderzeuge für den europäischen Markt präsentiert werden. Die CeMAT würde dadurch ihren Stellenwert als hochkarätiger Intralogistikanlass nicht verlieren.

Stefano Ghilardi: An der CeMAT ist mir aufgefallen, dass der Grossteil der Stapleraussteller Asiaten waren. Ich habe Diskussionen mit den Ausstellenden geführt. Diese sind grösstenteils nicht auf die Endkunden fokussiert, sondern nutzen den Anlass zur Suche nach Händlern. Im Klartext kann man sagen, dass in eineinhalb Hallen die Händlersuche im Zentrum der Aktivitäten steht. Die Asiaten haben ihre Mühe, deutsches Dokumentationsmate­rial zur Verfügung zu stellen. Für den Endkunden bringt das praktisch keinen Informationswert. Zudem bin ich der Meinung, dass die Gebrauchtmaschinenausstellung in der dargebotenen Form als deutscher Ocassionsmarkt auf einer CeMAT nichts zu suchen hat. Mein Fazit: Die CeMAT in Hannover befindet sich auf Identitätssuche. Ich würde es begrüssen, wenn sich der Anlass in Hannover als die Intralogistikmesse in Europa für den europäischen Anwender positionieren könnte und der Problem­lösungscharakter mehr im Zentrum stände.

Herr Ghilardi, hat der Event von Linde Material Handling in Mainz vor der CeMAT das gehalten, was sich die Leute in Aschaffenburg erhofft haben?

Ghilardi: Wir hatten über 6000 Besucher. Auf dem grossen Gelände konnten wir neben unserer gesamten Staplerflotte auch noch Innovationen unserer Partnerfirmen präsentieren. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Veranstaltung hatte rundum gesehen mehr Intralogistik-Charakter als eine Standpräsentation in Hannover. Es gab keinen Messestress und die Besucher wurden in zahlreichen Vorträgen vor Ort kompetent informiert. Zudem haben wir die Möglichkeit geboten, in der Truck-Klinik auch Fremdprodukte selber zu fahren. Wir wollen Offenheit zeigen und nicht stur bisherige Marketingkonzepte weiterverfolgen. Das Feedback des Marktes war dementsprechend positiv.

Die Flurförderzeuge haben anbieterübergreifend einen Höchststand an technologischem Standard vorzuweisen. Von mir aus gesehen ist der Interessent bei der Stapler-Evaluation überfordert. Welche Entscheidungshilfen können Sie ihm bieten? Der Preis allein kann es doch nicht sein?

Ghilardi: Die Staplertechnik nähert sich vom technologischen Standard her gesehen zusehends dem Automobilbau. Deshalb ist es wichtig, Nachhaltigkeit unter Beweis zu stellen. Das zieht sich von der servicefreundlichen Konstruktion über den umweltfreundlichen Betrieb bis hin zur Recyclingfähigkeit an einem Faden durch. Man kann auf dem Markt sicher über den Preis einen bestimmten Anteil abdecken, aber nicht alles.

Cox: Für mich ist der entscheidende Faktor, den Kunden möglichst früh ins Boot zu holen, um miteinander die richtige Lösung zu suchen. Die Beratungsqualität spricht den Kunden an. Wir müssen für den jeweiligen Anwendungsfall die exakt passende Maschine präsentieren können. Auch wir lernen von unseren Kunden. Mit jeder Projektrealisierung erfahren wir, was in den Anwendungsfeldern – beispielsweise in der Getränkeindustrie, im Maschinenbau, in der Papierindustrie usw. – gefragt ist oder noch verbessert werden kann. Den Stapler, der für alle Anwendungen eingesetzt werden kann, hat bis heute noch keiner entwickelt.

Chechele: In erster Linie stehen die Kundenbedürfnisse und eine ganzheitliche Betrachtung im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit dem Kunden durchleuchten wir die Lagerprozesse und bringen seine Wünsche mit seinen branchenspezifischen Anforderungen zusammen. Testfahrzeuge zeigen dann vor Ort, ob das Konzept die gewünschte Effizienz im Lager bringt.

Der Staplermarkt Schweiz umfasst jährlich etwa 6000 neu verkaufte Flurförderzeuge. Vier grosse Anbieter und etwa 20 mittlere und kleine sind aktiv. Haben die Grossanbieter stark mit der Opposition der mittleren und kleineren zu kämpfen?

Ghilardi: Über genügend Kampferfahrung verfügen wahrscheinlich alle Anwesenden an diesem Tisch. Was uns zu denken gibt, ist der steigende Anteil an asiatischen Staplern. Im Verbrennerbereich sind das momentan schätzungsweise 30  bis 35  Prozent. Das ist relativ hoch. Jeder dritte Verbrenner kommt aus Asien. Das hat aber seine Grenzen. Es ist für die asia­tischen Anbieter meist schwierig, einen flächendeckenden Kundenservice zu etab­lieren. Der Kunde kauft ja nicht die Maschine allein. Vom Preisniveau können die Grossen natürlich nicht mithalten. Unser Vorteil ist, dass wir Geräte und Dienstleistungen anbieten, die den bekannt hohen Betriebsanforderungen auf dem Schweizer Markt entsprechen. Von Sorgen rede ich heute noch nicht. Wir müssen diese Entwicklung aber im Auge behalten.

Die asiatischen Stapler haben sicherlich ihre Berechtigung auf dem Markt. Der Unter­schied im Preisniveau kann doch mit qualitativ hochwertigen Occasionen gedämpft werden?

Chechele: Das ist ein Ansatz, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Andererseits müssen sich die Kunden auch hinterfragen, was für ein Preis der Markt bezahlt, wenn das Gerät abgegeben wird. Der Wiederverkaufswert ist ein ganz entscheidender Faktor. Ich sehe bei den asiatischen Anbietern Wellenbewegungen. Viele drängen auf den Markt, etliche verschwinden bald wieder von der Bildfläche. Andere können sich in ihrem Segment behaupten. Ich glaube nicht, dass der Marktanteil in Zukunft extrem steigen wird. Selbstverständlich befinden sich diese Stapler auch in einer Phase der ständigen Weiterentwicklung. Von Sorgen oder gar Angst würde ich aber nicht sprechen. Das Qualitätsbewusstsein in der Schweiz ist sehr hoch.

Gehen wir zur Technik über: Vor etwa 15  Jahren kamen die ersten Drehstrom­stapler auf den Markt. Man sprach von einer Revolution. Was traut ihr der Lithium-Ionen-Technologie zu?

Ghilardi: Vergleichen wir die Preise der Geräte bei gleicher technischer Leistungsfähigkeit, dann kostet ein Lithium-Ionen-Stapler etwa doppelt so viel wie ein herköm­mlicher Stapler mit Bleibatterie. Dafür bekommt der Anwender die gewünschte Schnellladefähigkeit. In einer halben bis einer Stunde ist der Akku wieder voll. Wechselbatterien kann er sich ersparen. Ältere 24-Volt-Geräte sind nachrüstbar. Es hat immer Platz im vorhandenen Batterietrog. Die Lithium-Ionen-Technologie sollte vor allem deswegen forciert werden, weil die Bleientsorgung auf lange Sicht zum Problem wird.

Chechele: Preislich wird sich die Lithium-Ionen-Technologie in etwa so entwickeln, wie das beim Wandel von den Röhrenfernsehern hin zu den Plasmabildschirmen der Fall war. Je mehr Akkus produziert werden, desto kostengünstiger sind sie zu haben.

Es ist nicht nur der Akku alleine. Elektronik und Software für das Batteriemanagement gehören ebenfalls zum Gesamtsystem…?

Chechele: Das Preisniveau wird jedenfalls fallen – sicher nicht unter den Bleibatterie­preis, aber bedeutend günstiger. Dann wird diese Technologie vermehrt angenommen, weil sie gravierende Vorteile bietet.

Cox: Der Markt verlangt nach der Lithium-Ionen-Technologie. Manchenorts heisst es: einführen, aber bitte sofort. Wegen der Umweltfreundlichkeit gibt es Unternehmen, die darauf schwören. Der höhere Preis wird momentan in Kauf genommen. Diese fortschrittlich denkenden Unternehmen tun etwas für ihr Image.

Ghilardi: Wer noch in dem ganzen Szenario nachhinkt, sind die Akkulieferanten. An der CeMAT habe ich an den Ständen der Batteriehersteller vergeblich nach Plakaten mit Lithium-Ionen-Batterien Ausschau gehalten.

Chechele: Es geht um strategische Themen. Zwei Wege sind zu erkennen: Entweder man entwickelt nur die Batterie oder das Fahrzeug. Jungheinrich hat als erster Hersteller das Lithium-Ionen-Fahrzeug entwickelt. Hier werden die Vorteile der Batterie auch für den Aufbau des Fahrzeugs genutzt und durch die kleine und leichte Batterie der Einsatz auf engstem Raum möglich. Zudem gebe ich zu bedenken, dass der CO2-Ausstoss für die Unternehmen ein wichtiger Aspekt ist.

Wenn wir bei gleicher Tragfähigkeit einen Verbrenner und einen 80-Volt-Elektrostapler vergleichen, braucht der Verbrenner für etwa 40 Franken Diesel und der Elektrostapler für 9 Franken Strom. Gibt es einen Trend hin zum Elektrostapler?

Ghilardi: Das stimmt nicht ganz. Wenn wir die Anschaffungskosten der Batterie mit einbeziehen, sieht die Rechnung anders aus. Dann sind Verbrenner und Elektrostapler in etwa auf gleicher Höhe. Wichtig bei der Berechnung ist die Berücksichtigung der Betriebsstunden. Der Verbrenner hat nach wie vor seine Berechtigung.

Die Entwicklung der Dieselmotoren hat in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte in Sachen Abgasausstoss gemacht hat. Die Verbrenner sind heute weit sauberere Maschinen als noch vor zehn Jahren. An der Zukunft des Verbrenners wird nicht gezweifelt?

Chechele: Der Verbrenner ist nach wie vor im Vergleich bei gleicher Tragfähigkeit die effizientere Maschine gegenüber einem Elektrostapler. Grundsätzlich haben aber beide Fahrzeuggruppen ihre Berechtigung in ihren speziellen Einsatzgebieten.Cox: Man muss den Vergleich zwischen Verbrenner und Elektrostapler anhand von spezifischen Kundenanforderungen prüfen. Die Grenzen des Elektrostapler­einsatzes liegen bei acht Tonnen.

Wir reden von Umweltfreundlichkeit. Im Vergleich zu Deutschland sehe ich bei uns fast keine Treibgasstapler. Woran liegt das?

Ghilardi: Der Grund ist der hohe Gaspreis. Es weiss niemand, warum Flaschengas in der Schweiz so viel teurer ist als im Ausland. Flüssiggas kostet einen Bruchteil davon. An dieser Tatsache werden auch wir als swisslifter-Verband nichts ändern können.

Seid ihr mit der Arbeit des swisslifter-Verbandes zufrieden?

Cox: Ich denke, die Zufriedenheit sollten unsere Kunden zu spüren bekommen. Wir sind jedenfalls bei swisslifter in diversen Arbeitsgruppen sehr damit beschäftigt, um die Basisvoraussetzungen für den Staplereinsatz zu verbessern. Dabei geht es vor allem um die Definition von Standards. Meines Erachtens lohnt sich die intensive Verbandsarbeit.

Ghilardi: Die Arbeit bei uns ist gut aufgeteilt. In den Gruppen übernehmen wechselnde Mitglieder den jeweiligen Vorsitz. Gute Ausbildung und sicherer Staplerbetrieb sind zwei Kernpunkte unserer Aktivitäten. Wir haben seit letzter Woche eine neue Untergruppe für Fahrerschulung.

Chechele: Der Verband ist das Sprachrohr der Schweizer Staplerbranche. Es wird mit einer Stimme nach aussen kommuniziert. Das bringt Vorteile mit sich, wenn man die Situation, die vorher geherrscht hat, mit der heutigen vergleicht.

Wie wichtig ist eine starke Messe Pack&Move für die Branche?

Chechele: Wir brauchen eine starke Pack&Move als die Schweizer Logistikmesse. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen die. Die neue Messehalle bietet dazu die besten Voraussetzungen.

Cox: Der Rhythmus von zwei Jahren ist nun etabliert. Das ist positiv. Eine starke Pack&Move ist deshalb wünschenswert, weil der Schweizer Besucher gerne an eine Schweizer Messe geht.

Ghilardi: Wir müssen nicht hundert Stapler in Basel ausstellen. Die konzentrierte Präsentation der Neuigkeiten sollte im Vordergrund stehen. Die Zusammenarbeit zwischen uns als swisslifter-Verband und der MCH Messe Schweiz AG in Basel war sehr kooperativ. Darum wünsche ich der Pack&Move viel Erfolg.

Meine Herren, besten Dank für die interessante Diskussion.


Info
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5080 Laufenburg
Tel. 062 869 79 00
Fax 062 869 79 00
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Jungheinrich AG
5042 Hirschthal
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Fax 062 739 32 99
info@jungheinrich.ch
www.jungheinrich.ch


Linde Material Handling Schweiz
8305 Dietlikon
Tel. 044 835 23 00
Fax 044 835 23 20
info@linde-mh.ch
www.linde-mh.ch


Toyota Material Handling Schweiz AG
8153 Rümlang
Tel. 0844 869 682
Fax 043 211 20 61
info@ch.toyota-industries.eu
www.toyota-forklifts.ch




Roberto Chechele: «Wir brauchen eine starke Pack&Move als die Schweizer Logistikmesse.»


Stefano Ghilardi: «Jeder dritte Verbrenner, der in der Schweiz verkauft wird, kommt aus Asien. Das gibt uns zu denken.»


Ralph Cox: «Die Zufriedenheit mit der swisslifter-Verbandsarbeit sollten unsere Kunden beurteilen.»