Eine Publikation der Binkert Medien AG
SSI Schäfer realisiert Tiefkühllager bei der Migros Verteilbetrieb Neuenhof AG : Ausgabe 01/02/2015, 03.02.2015

Weltweit erste vollautomatisierte Tiefkühlanlage

Mit einem einzigartigen, faszinierenden und äusserst komplexen Logistikkonzept hat SSI Schäfer Schweiz am Automations­standort Muhen für die Migros Verteilbetrieb Neuendorf AG (MVN) unter arktischen Bedingungen das vollautomatische Tiefkühllager reali­siert. Unter anderem sorgen hier jetzt das mehrfach prämierte Lager- und Kommissioniersystem Schäfer Case Picking (SCP), innovative Fördertechnik, Inhouse-Hochregallager sowie die Logistik­software WAMAS bei –28 °C für effi­ziente Prozesse, hohen Durchsatz und eine erhebliche Entlastung der Mitarbeiter.

Heutzutage sind die Anforderungen der Kunden an den Handel enorm. Denn sie erwarten nicht nur eine ansprechende Präsentation der Waren, sondern ebenso eine breite Auswahl an Produkten, deren dauerhafte Verfügbarkeit sowie eine optimale Sortierung der Artikel in den Regalen. Trifft der Handel die Vorstellungen der Kundenschicht nicht, läuft er Gefahr, sie an die Konkurrenz zu verlieren. Und das bei steigenden Kosten sowie einem sich stetig verschärfenden Wettbewerb. Dabei bestimmen kurze Lieferzeiten, kleinere Liefermengen und -einheiten sowie der Bedarf an optimal (store-friendly) kommissionierten Artikelgruppen das tägliche Geschäft. Eine ideal aufeinander abgestimmte Logistik ist hier unabdingbar, denn die verfügbare Lagerfläche muss optimal genutzt und Waren müssen schneller bewegt werden. So geht der Trend im Handel zunehmend auf eine automatisierte Intralogistik. Vor allem Automationslösungen bis auf Einzelstückebene, die Flexibilität der integrierten Kommissionierstrategien und das Prinzip Ware-zu-Mann bieten hier erhebliche und entscheidende Optimierungspotenziale.

Tieftemperatur-Automation

Doch was, wenn es sich um ein Tiefkühllager handelt? Wie lassen sich die Potenziale der Automation ausschöpfen, wenn die Systeme bei arktischen Temperaturen versagen? Aufgrund der physikalischen Gesetze gab es darauf bisher keine Antwort. So musste der Mensch grösstenteils die Kommissionierung bei Eiseskälte unter harten Bedingungen verrichten. Bisher! Denn schon Gottlieb Duttweiler, der Gründer von Migros, Pionier und Visionär, sagte: «In der modernen Welt wird der Erfolg jenen gehören, die es verstehen, um ihr Unternehmen herum eine Ideenwelt aufzubauen.» Und so wagte Migros, das grösste Einzelhandelsunternehmen in der Schweiz, einen einmaligen, bahnbrechenden Schritt: die Automatisierung des 20 000 m2 grossen Tiefkühllagers des Distributionszentrums MVN, einer 100-prozentigen Tochter des Migros-Genossenschafts-Bundes.

Frische zählt

Glace, Gemüse, Fleisch, Fisch oder Backwaren – grosse Auftragsvolumen müssen hier täglich kurzfristig und effizient bewältigt werden, um rund 900 Verkaufsstellen zu beliefern. Dies erfolgte bisher weitestgehend manuell. Doch die Aussicht, die Mitarbeiter von dieser Arbeit zu befreien und dabei die Effizienz der Prozesse massgeblich zu steigern, bot den Anreiz, den Schritt zur Vollautomation zu wagen. Bei –28 °C eine grosse Herausforderung. Den Zuschlag für die gesamte Modernisierung des Mammutprojekts – von der Planung bis hin zur schlüsselfertigen Erstellung der Anlage – erhielt SSI Schäfer 2009, mit Salomon Automation als Generalunternehmer. «SSI Schäfer war das einzige Unternehmen, das uns hier eine vielversprechende Lösung anbot und in der Lage war, diese umzusetzen. Uns war bewusst, dass ein derartig innovatives Konzept bisher noch nicht realisiert wurde, doch es hat sich gelohnt, diese Herausforderung anzunehmen, erklärt Geschäftsleiter Hans Kuhn von der Migros Verteilbetrieb AG in Neuendorf.

So hat der Intralogistikspezialist mit der Ausführungsplanung über den Regalbau eines automatischen Tray-, Tablar- und Inhouse-Hochregallagers bis hin zur gesamten Fördertechnik und zu zahlreichen weiteren Komponenten das Unmögliche möglich gemacht und die weltweit erste vollautomatisierte Tiefkühlanlage realisiert. Weitere Besonderheit: Die Kommissionierung erfolgt jetzt bei –28°C mit dem mehrfach prämierten Schäfer-Case-Picking-(SCP-)System – vom Wareneingang über die Depalettierung, Pufferung, Kommissio­nierung, Sequenzierung und Palettierung bis hin zum Warenausgang. Gesteuert werden die gesamten Prozesse von der Logistik­software WAMAS von SSI Schäfer.

Die Komplexität der neuen Anlage ist herausragend und erforderte drei Jahre in der Umsetzung. Die 50 Monteure von SSI Schäfer verrichteten dabei Höchst­leistungen. «Das Projekt und die Lösung sind wirklich einzigartig. Dement­sprechend anspruchsvoll war auch die Umsetzung in der Tiefkühlumgebung», schildert der GU-Projektleiter von SSI Schäfer. Dabei verursachte die Umgebungstemperatur fast doppelt so viel Zeit für den Aufbau wie bei einer normalen Montage. Ausserdem mussten alle Materialien tiefkühltauglich sein. «SSI Schäfer ist ein sehr innovatives Unternehmen, das hier äusserste Flexibilität und Professionalität bewiesen hat», schildert Hans Kuhn, Geschäftsleiter der Migros Neuendorf AG.

Die gesamte, 20 000 m2 grosse, neue Anlage befindet sich jetzt auf drei Ebenen und umfasst neben den automatischen Hochregallagern auch Fördertechnik und Roboter. Das System arbeitet vollautomatisch und verwaltet rund 1500 unterschiedliche Produkte. Das optimale Zusammenspiel von IT und automatisierten Komponenten sorgt bei einer Durchsatzsteigerung von rund 30 Prozent für einen äusserst effi­zienten Materialfluss. So verfügt MVN über eine aktuelle Durchsatzleistung von bis zu 60 000 Cases pro Tag.

Der Prozessablauf

Ablauf: Im Wareneingangsbereich werden nun rund 300 000 Paletten pro Jahr bearbeitet. Bevor die Paletten geprüft und eingelagert werden, erfolgt eine Temperaturkontrolle der angekommenen Lastwagen. Um eine Qualitätserhaltung in der Kühlkette lückenlos zu garantieren, sind bei allen Lkw- und Bahn-Wareneingängen geschlossene und bei Bedarf gekühlte Rampenbereiche installiert. Treffen Produkte ein, die noch nicht im System verzeichnet sind, erfolgt die Erfassung der Artikel an zwei Stationen per intelligentem Teach-in. Das industrielle Bildverarbeitungssystem von SSI Schäfer erfordert keine aufwendige Einlernphase und erfasst alle wesentlichen Daten der Ware sekundenschnell. Dies bietet wichtige Orientierungsvorgaben bei der Palettierung, ermöglicht einen qualifizierten Wareneingangsprozess und eine ideale Stammdatenpflege. Dabei dient die durchgängige Verwendung der physikalischen Produkteigenschaften u. a. einem individuellen, produktschonenden Artikelhandling.

Die sortenreinen Paletten werden im Waren­eingangspuffer, einem Hochregal­lager (HRL) mit 30 000 Palettenstellplätzen, zwischengelagert. Von hier aus treten die Waren ihren Weg per Rollen- und Kettenfördertechnik in die Halle 1 an. Dort beginnt das SCP als durchgängiges Systemkonzept für vollautomatische, filialspezifische Lieferzusammenstellungen mit der Arbeit. Während dieses Vorgangs werden die Zwischenlagen automatisch über ein Abfallband abgeführt und per Müllpresse entsorgt. Anschliessend führt eine 566  m lange Fördertechnikstrecke die vereinzelten Lagen mit speziellen Trays in das neue Kommissionier-/Puffersystem, das Tray-Lager.

Beim Schäfer Tray System (STS) handelt es sich um ein automatisches HRL. Es verfügt über 6 Gassen und rund 14 670 Stellplätze. Die Ein- und Auslagerung der sortenreinen Trays erfolgt hier per Schäfer Miniload Crane (SMC). Dabei bewegen sich 6 kompakte Zweimast-Regalbediengeräte schwingungsgedämpft mit 240 m/min durch die Gassen und führen ihre Ware sicher zum Ziel. Nach der Einlagerung werden die Trays nach Bedarf ausgelagert und zum Case Wheeler oder Case Pusher befördert. Der Case Wheeler identifiziert die zu kommissionierenden Cases und schiebt diese für die Auftragsabwicklung auf entsprechende Tablare. Dabei nutzt das System die einzigartige Machine Vision Technology von SSI Schäfer. Die industrielle Bildverarbeitung sorgt sekundenschnell für eine zuverlässige Verifizierung der Waren und eine Reduzierung von weiteren Schnittstellen. Die nicht benötigten Cases werden zurück in das Tray-Lager geführt. Werden bei einem Auftrag alle Cases verwendet, ist es die Aufgabe des Case Pushers, die gesamte Ware der angelieferten Trays den Tablaren zuzuführen. Qualitätssicherung und Kommissionierung werden zu einem integrierten Vorgang, der zu effizienten, automatisierten und kon­trollierten Produktionsprozessen führt.

Parallel sorgen zwei Mercury-Regalbediengeräte in zwei Gassen für die Auslagerung der hoch verfügbaren Waren, die sortiert auf Tablaren über Fördertechnik und Paternosteraufzüge auf die untere Ebene zu den fünf Palettierrobotern transportiert werden. Dort stellen Roboter die Paletten direkt filialgerecht zusammen.

Zur Optimierung der vollautomatischen Palettierung nach kundenspezifischen Anforderungen nutzt das System die intelligente Packsoftware, Pack Pattern Generator (SPPG). Als Softwaremodul ist der SPPG in die Warehouse-Management-Systeme (WMS) der SSI Schäfer Gruppe integriert. Im Zusammenspiel mit dem WMS errechnet die Software online innerhalb kürzester Zeit volumenoptimierte, stabile und nach Produktklassen zusammengestellte Filialpaletten. Um den Sortieraufwand in der Filiale zu minimieren, wird bereits bei der Planung die spezifische Verteilung der Waren in den Handelsfilialen mit einbezogen. Nach Errechnung der Daten steht einer vollautomatischen Palettierung im operativen Bereich nichts mehr im Wege. Um die Anzahl der Paletten für jeden Versandauftrag zu minimieren und optimal zu gestalten, sind die heterogenen Packstücke je nach Geometrie so dicht wie möglich angeordnet. Nachdem die Ware automatisch mit Folie umwickelt wurde, erfolgt der Transport der fertiggestellten Paletten per Fördertechnik zum Warenausgangspuffer.

WAMAS steuert und verwaltet

Die gesamten Logistikprozesse werden mit der Lagerverwaltungs- und Material­flusssoftware WAMAS gesteuert und verwaltet. So übernimmt WAMAS die operative Lenkung und das Management der Warenströme der Logistik- und Supportprozesse, einschliesslich der Ressourcenplanung, des Arbeitsfortschritts und der Kommunikation zu den Systemen in der Migros-Gemeinschaft.

Neue Ära

«Durch besondere Herausforderungen wächst man zusammen. Das Team war hoch motiviert und hat hervorragende Arbeit geleistet», schildert der GU-Projektleiter von SSI. Dank dem unschlagbaren Zusammenspiel der einzelnen Gewerke, innovativer Ideen und einer unvergleichlichen Wertschöpfungstiefe innerhalb der Gruppe gelang es SSI Schäfer, dieses einmalige Projekt erfolgreich zu realisieren. «Die neue Anlage ist einzigartig und höchst innovativ. Das ist nicht nur Automatisierung und Effizienzsteigerung, sondern ein Ersatz körperlichen Handelns in einer menschenfeindlichen Umgebung», resümiert Hans Kuhn, Geschäftsleiter MVN. Damit bricht eine neue Ära in der Tiefkühllogistik an.


Info
SSI Schäfer AG
Kesslerstrasse 1
5037 Muhen
Tel. 062 739 34 00, Fax 062 739 34 01
ssi-info@ssi-schaefer.ch
www.ssi-schaefer.ch

LogiMAT, Halle 1, Stand 1D21
LogiMAT, Halle 7, Stand 7D51



Das neue Mercury-Hochregallager bietet Platz für rund 10 600 Tablare, die in vier Gassen, durch acht Regalbediengeräte des Typs SMC1 vorsortiert, doppeltief eingelagert werden.


In einem ersten Schritt depalettieren zwei Roboter die Paletten lagenweise.