Eine Publikation der Binkert Medien AG
Daniel Hauser, Mitglied der Geschäftsleitung, bei der Swisslog AG in Buchs/AG : Ausgabe 11/2015, 10.11.2015

Optimale Automatisierungslösungen aus einer Hand

Der deutsche Roboter- und Anlagenbauer Kuka ist in der ersten Jahreshälfte dank der Übernahme der Aargauer Swisslog stark gewachsen. Mit den Ergebnissen sieht sich der Konzern «deutlich über Plan». Welche Strategie steckt hinter der Integration von Swisslog in den Kuka-Konzern?

Daniel Hauser (Managing Director Switzerland) führt ab dem 1. September 2015 die Region Central Europe und wurde zum Geschäftsführer der Swisslog GmbH in Dortmund ernannt. Er nahm im MH-Interview Stellung zur Übernahme durch Kuka.

Material Handling: Welche Strategie steckt hinter der Swisslog-Übernahme?

Daniel Hauser: Beide Unternehmen ergänzen sich hervorragend: Kuka ist einer der weltweit führenden Anbieter von Robotern und automatisierten Produktionsanlagen und beliefert Kunden in der Automobilindustrie sowie in anderen wachstumsstarken Branchen, wie zum Beispiel der Luftfahrtindustrie oder dem Werkzeugmaschinenbau. Swisslog realisiert führende Automatisierungslösungen für zukunftsorientierte Krankenhäuser, Lager- und Verteilzentren mit Fokus auf den Segmenten Handel inklusive E-Commerce, Pharma und Nahrungsmittel im Kühl- und Tiefkühlbereich. Durch den Zusammenschluss können neue integrierte Automationslösungen für eine Vielzahl von Branchen angeboten werden.

Kuka präsentierte erstmals an der Hannover Messe 2015 die Früchte der noch jungen Zusammenarbeit. Was sind die bisherigen Highlights, die aus dieser Fusion resultierten?

Beide Firmen verfolgen das Ziel, die Logistik und Robotik enger zu koppeln, um daraus Produkte für den Intralogistikmarkt zu entwickeln. Der auf der HMI gezeigte «Automated Item Picking» Ansatz in Verbindung mit dem Swisslog System Carry Pick bildet hierbei den Grundstein für gemeinsame weitere Ideen und Entwicklungen.

Welche Applikationen sind neben der Palettierung/Depalettierung bzw. der Mensch-Roboter-Kommissionierung vorstellbar?

Die Logistik von morgen wird nicht mehr ohne Vollautomatisierung auskommen. Rückgängige Bevölkerungszahlen in unseren Schlüsselmärkten kombiniert mit steigenden Lohnkosten erfordern neue Lösungskonzepte. Swisslog arbeitet mit Kuka gemeinsam an zukunftsweisenden Konzepten, die den Anforderungen von Morgen gerecht werden.

Eine Besonderheit des in Hannover vorgestellten «Automated Item Picking» ist die simultane Behälter-Kommissionierung von Mensch und Maschine. Wie wird ohne Abgrenzung bzw. Umzäunung eine maximale Arbeits- und Maschinensicherheit garantiert?

Durch den Roboter selbst: Der feinfühlige LBR iiwa ist mit intelligenter Sicherheitstechnologie ausgestattet, damit wird der Sicherheitszaun überflüssig. Auch wenn in dieser Applikation Mensch und Roboter in jeweils definierten Arbeitsbereichen arbeiten, muss der Roboter mit sicherer Technik ausgestattet sein. Er erkennt zum Beispiel Widerstände und stoppt rechtzeitig.

Der Leichtbauroboter LBR iiwa von Kuka ist sensitiv und ist mit seinen integrierten Gelenkmomentensensoren in allen sieben Achsen in sicherer Technik für die Zusammenarbeit mit Menschen freigegeben. Durch diese inhärente Sicherheitstechnik ist er für die Zusammenarbeit mit Menschen besonders geeignet. Somit ermöglicht er wiederum ganz neue Produktionskonzepte. Er dient dem Menschen sozusagen als helfende, oder wenn Sie so wollen, als dritte Hand. Damit hat Kuka die Grundlage für die sensitive und sichere roboterbasierte Automatisierungstechnik geschaffen.

Bei der direkten Mensch-Roboter-Kollaboration assistiert der Roboter den Menschen und nimmt ihnen monotone, kräftezehrende und nicht ergonomische Arbeiten ab. Roboter und Mensch bilden ein Team in der zukünftigen Smart Factory. Der Mensch ist und bleibt kognitiv überlegen, ist kreativ und arbeitet als Stratege. Während der Roboter seine Wiederholgenauigkeit, seine Kraft und Ausdauer in die Zusammenarbeit einbringt.

Von besonderem Interesse bei Industrie 4.0 bzw. dem Internet der Dinge sind mobile Roboter. In welchem Stadium der Entwicklung sind solche Lösungen bei Kuka und gibt es schon Referenzen im industriellen Einsatz?

Swisslog bietet die Lösungen CarryPick und AutoStore an. Diese bestehen jeweils aus einer Flotte von Robotern (AGVs), die mobile Regale beziehungsweise Behälter an Goods to Person-Arbeitsstationen anliefern. Welcher Roboter welchen Transport ausführt wird jeweils just-in-time entschieden, um eine maximale Leistung zu erreichen. Ein aktuelles Entwicklungsprojekt zielt darauf ab, einen menschlichen Bediener an einer Goods to-Person- Arbeitsstation temporär durch einen Roboter ablösen zu können. Dieser Pick-Roboter selbst ist mobil, kann also flexibel an verschiedenen Arbeitsstationen eingesetzt werden.

Mit dem KMR iiwa (KMR für «KUKA Mobile Robotik») kombiniert Kuka die Stärken des sensitiven Leichtbauroboters LBR iiwa (intelligent industrial work assistant) mit einer mobilen und autonomen Plattform und bietet somit eine Lösung für alle denkbaren Szenarien. So wird der Roboter zum ortsunabhängigen, hochflexiblen Produktionsassistenten mit uneingeschränktem Arbeitsraum – eine ideale Voraussetzung für die Anforderungen der Industrie 4.0.

Der sensitive Industrieroboter kann sich dank seiner mobilen Plattform im Raum frei bewegen und sich um die eigene Achse drehen. Dank Umgebungsscanner und Ultraschallsensoren am Fahrzeug können zudem Hindernisse erkannt und umfahren werden. Dies und seine gute Interaktion mit Menschen macht ihn besonders sicher. Die von Kuka selbst entwickelte Navigations-Software lässt den KMR iiwa völlig autonom ohne Kaberlverbindung frei im Raum bewegen. Ein weiterer Vorteil ist, dass das System modular konzipiert wurde und um Hardware, gemäss den Applikationsanforderungen erweitert werden kann. Das bringt dem Anwender hohe Flexibilität.

Wie geschieht die Anbindung eines Kuka-Roboters an ein WMS bzw. übergeordnetes SAP-System? Ist die Schnittstellen-Problematik eine komplexe?

Die Anbindung eines Roboters bzw. seiner Steuerung ist für Swisslog Stand der Technik. Es wurden bereits in einer Vielzahl an Anlagen Roboter Systeme in unsere Softwareumgebung integriert. Swisslog hat hier eine standardisierte Schnittstelle nicht nur für die Anbindung von Robotern, sondern auch für andere Maschinen, welche in eine Gesamtanlage zu integrieren sind, seit Jahren implementiert.

Diese Standard-Schnittstellen können jetzt spezifisch für Kuka-Roboter in ihrem Funktionsumfang erweitert werden.

Gibt es bereits entsprechende Software für die filialgerechte, verdichtete Kommissionierung einer Palette mit einem Kuka-Roboter?

Ja, die gibt es. Derzeit bearbeiten wir diverse Pilotprojekte in Europa, welche mit solchen sogenannten «Automatic Case Picking»-Systemen ausgestattet werden. Basis dafür bildet eine Roboterlösung, in der Kuka-Roboter zum Einsatz kommen. Leider können wir zum derzeitigen Zeitpunkt keine detaillierteren Aussagen zu dieser Applikation machen.

Wie entwickelt sich der Schweizer Markt für Kuka und welchen Anteil haben Logistik-Applikationen?

Die Schweiz ist ein idealer Markt für Automatisierung und vor allem auch für Robotik. Derzeit sind nach unserem Kenntnisstand mehr als 2500 Roboter in der Schweiz im Einsatz, obwohl wir hier nicht die klassischen Produktionsstätten wie z. B. Automobilindustrie haben, in denen die Robotik traditionell zu Hause ist. Die Roboter finden sich vermehrt in Applikationen in der sogenannten General Industry, also allen Bereichen ausserhalb der Automobilindustrie – und das sowohl bei kleinen als auch bei mittelständischen und grossen Unternehmen. Das Potenzial für Robotik im Logistikbereich ist erheblich - speziell bei autonomen logistischen Prozessen. Zukünftige Logistiklösungen werden auch in der Schweiz nicht ohne Robotik auskommen. Swisslog wird mit dem Automation Powerhouse künftig nicht nur Beste-in-Class-Anbieter für automatisierte Logistikkonzepte sein. Darunter verstehe ich die bewährten Technologien wie RBG, Fördertechnik oder Shuttles. Wir werden noch einen Schritt weitergehen und zusammen mit Kuka als Branchenführer das Thema Robotik in Zukunft aktiv mitgestalten.

Was sind die nächsten Schritte im Zusammenhang mit dieser Fusion?

Erste gemeinsame Kundebesuche haben bereits stattgefunden und gemeinsame Applikationen werden entwickelt. Mit Swisslog gemeinsam können wir Kunden aus verschiedenen Branchen optimale Automatisierungslösungen aus einer Hand bieten.

2016 stehen diverse Messen an. Wie wird sich das Unternehmen da präsentieren?

Die Messeauftritte von Swisslog werden im nächsten Jahr vor allem im Zeichen des Automation Powerhouse stehen. Wir werden unseren Kunden und Messebesuchern gemeinsame Entwicklungen und Innovationen das erste Mal präsentieren.

Besten Dank Herr Hauser für Ihre interessannten Ausführungen.

Info

Kuka Roboter Schweiz AG
5432 Neuenhof
Tel. 044 744 90 90
Fax 044 744 90 91
info@kuka-robotics.com
www.kuka-robotics.com

Swisslog AG
5033 Buchs/AG
Tel. 062 837 43 21
Fax 062 837 95 10
logistics@swisslog.com
www.swisslog.com



Der Leichtbauroboter LBR iiwa ist mit seinen integrierten Gelenkmomentensensoren in allen sieben Achsen in sicherer Technik für die Zusammenarbeit mit Menschen freigegeben. (Bilder: Kuka)


«Die Logistik von morgen wird nicht mehr ohne Vollautomatisierung auskommen.» Daniel Hauser Managing Director Switzerland & Central Europe