Eine Publikation der Binkert Medien AG
Clemens Zehnder, Coop, Thomas Kretz und Beat Losenegger, TGW Systems Integration AG : Ausgabe 07/08/2015, 17.08.2015

Der «Riese steigt schrittweise» aus der Kiesgrube

Das Projekt LoBOS Logistik-, Bäckerei- und Organisationsstrategie von Coop ist in Schafisheim in der Entstehungsphase. TGW Systems Integration – zuständig als Generalunternehmung für die Umsetzung der Intralogistik – konnte dabei den bisher grössten Auftrag ihrer 46-jährigen Firmen­geschichte entgegennehmen.

Anlässlich der Einbringung der Regalbediengeräte in das Tiefkühllager des neuen Verteilzentrums von Coop in Schafisheim hatte Material Handling die Gelegenheit zu einem Interview mit Clemens Zehnder, Coop, Thomas Kretz und Beat Losenegger von der TGW Systems Integration AG, Rotkreuz/ZG.

Material Handling: Herr Kretz, wie wichtig ist der Terminkalender bei einem solchen Grossprojekt?

Thomas Kretz: Die Planung und Organisation ist matchentscheidend bei der Realisierung solcher Grossprojekte. Es arbeiten verschiedenste Firmen parallel. Die Freigabe von Gebäudeflächen muss daher exakt koordiniert werden. In der Zusammenarbeit mit Coop wurde anfangs eine Feinspezifikation erarbeitet. Die wesentlichsten Ecktermine sind dabei das zur Verfügung stellen der fertigen Flächenabschnitte, der Leistungsmedien wie z. B. Beleuchtung, Elektrizität und Druckluft, der jeweiligen Installationen sowie die Inbetriebnahmen und die Abnahmen. Mit dem Nutzungsbeginn, der gleichzeitig auch den Gefahrenübergang an Coop beinhaltet, fängt dann die Gewährleistung an.

Herr Zehnder, aus welchen wesentlichen Teilen besteht der neue Gebäudekomplex von Coop in Schafisheim?

Clemens Zehnder: Die Erstellung der Logistik für die neue Verteilzentrale von Coop in Schafisheim umfasst vier Teilprojekte. Erstens den Kälteautomat mit Nutzungsbeginn am 1. Oktober 2015. Weitere Teilprojekte sind der Tiefkühlbereich, die Leergebindezentrale und die Logistik für das Trockensortiment. Angeschlossen ist die Coop Grossbäckerei und Konditorei mit der entsprechenden Anbindung an die Logistik. Beachtlich sind die Dimensionen dieser Bauwerke. Es handelt sich um die momentan grösste private Baustelle der Schweiz.

Welche Funktion erfüllt die neue Verteilzentrale, und wie sieht der Zeitplan betreffend der Inbetriebnahmen aus?

Zehnder: Von Schafisheim aus wird künftig die Coop Verkaufsregion Nordwestschweiz-Zentralschweiz-Zürich beliefert. Insgesamt werden rund 1900 Personen in Schafisheim arbeiten. Wir vereinfachen damit unsere Vertriebsstrukturen und Prozesse. Dank neuester Technologie bedeutet das auch eine Qualitätsverbesserung der Brot- und Backwaren. Ab Spätherbst 2015 wird – wie bereits erwähnt - die neue Logistik für gekühlte Ware in Betrieb genommen. Anfang 2016 erfolgt der Nutzungsbeginn der Leergutzentrale. Mitte 2016 folgen dann die Bäckerei, die Konditorei und das Tiefkühllager.

Wo sehen Sie den Hauptvorteil des gigan­tischen Bauwerks?

Zehnder: Ein grosser Teil der Logistik wird in Zukunft über Schafisheim laufen. Effizienz und Qualität werden damit markant gesteigert. Die Warentransporte ab und nach Schafisheim erfolgen soweit möglich im sogenannten «unbegleiteten kombinierten Verkehr, UKV», d.h. mittels einer Kombination des Warentransportes auf Strasse und Schiene. Da Bäckerei und Tiefkühllager künftig näher beieinander stehen, lässt sich auch hier der Energie- und Ressourcenverbrauch reduzieren. Eine Biomasseheizzentrale wird sämtliche Coop-Betriebe in Schafisheim mit klimafreundlicher Wärme versorgen, auch die Öfen der Bäckerei und der Konditorei. Insgesamt spart das Grossprojekt von Coop so jährlich über 10 000 Tonnen CO2-Ausstoss. In Geld ausgedrückt sind es 50 Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Diese Einsparungen resultieren aus Prozessverbesserungen in der Logistik und Produktion sowie aus der massiv tieferen Transportleistung auf der Strasse. Damit kommt Coop ihrem Ziel, bis 2023 in allen direkt beeinflussbaren Bereichen CO2-neutral zu werden, ein weiteres grosses Stück näher.

Die heute installierten MIAS-Regalbediengeräte sind für welchen Teil der Anlage vorgesehen?

Kretz: Sie werden im Tiefkühlbereich über das Dach eingebracht. Die Regalbediengeräte wurden für TGW bei der Firma MIAS hergestellt. Für uns ist dies ein besonderer Anlass. Vor allem deshalb, weil es sich um besonders hohe und auch schnelle Regalbediengeräte handelt. Sie haben eine Höhe von 38 Metern und wiegen rund 30 Tonnen. Das ist auch für uns ein nicht alltäglicher Vorgang. Die Einbringung erfolgt in zwei Schritten. Zuerst wird das Fahrwerk auf die Schiene gesetzt und dann der Mast montiert. Anschliessend wird das Gesamtgewerk in Betrieb genommen. Das Lager ist für über 17 000 Palettenplätze ausgelegt. Das Gesamtgebäude hat eine Höhe von 57 Metern, davon 30 Meter unterirdisch.

Könnten Sie mir bitte die spezielle Kon­struktion des Tiefkühllagers erklären?

Beat Losenegger:

Die Konstruktion des Tiefkühllagers ist deshalb einzigartig, weil dieses über einem TGW-Stingray-Shuttle-Lager für 38 000 Kartonstellplätze steht. Um eine kontrollierte Setzung des Gebäudes zu erreichen, wurde es während sieben Tagen mit 10 000 Kubikmeter Wasser belastet. Das entspricht einer Wasser­höhe von vier Metern. Mittels Präzisionsnivellement konnte die Schnelligkeit und Gleichmässigkeit der Gebäudeabsenkung überwacht und nachgewiesen werden.

Welche Aufgaben hat das Kommissioniersystem für Karton unterhalb des Tiefkühl-Hochregallagers?

Losenegger: Die Ware wird in diesem Bereich vollautomatisch kommissioniert, auf Rollbehälter beladen und auftragsgerecht zusammengeführt. Vorgebackene Teiglinge, sowie allgemeine Tiefkühlprodukte werden im Tiefkühlpalettenlager gelagert. Verbrauchsgesteuert werden die Paletten aus dem Palettenlager der automatischen Depalletierung zugeführt und im Stingray Shuttle zwischengepuffert. Die anschliessende, automatische Rollbehälterbeladung erfolgt nach vorgegebener Auftrags- und Artikelstruktur. Das Stingray-Shuttle-Lager inklusive Karton-Direkt-Handling ist weltweit die erste Shuttle-Anlage, die im Tiefkühlbereich in Betrieb genommen wird.

Herr Zehnder: Gehen Sie mit der Installa­tion des Stingray-Shuttle-Lagers im Tiefkühlbereich Risiken ein?

Zehnder: Wir sind auf der sicheren Seite. Die Verantwortlichen von TGW haben uns an einem Testaufbau davon überzeugt, dass die verschiedenen Funktionalitäten auch im Tiefkühlbereich kein Problem darstellen. Dabei sind die Mechanismen im Bewegungsablauf der Anlage im Detail untersucht und vorgeführt worden.

Welche Aufgabe hat die Leergebinde­zentrale?

Zehnder: Ihre wesentlichen Aufgaben sind die Abfallentsorgung der Filialen und die Zwischenlagerung der leeren Rollcontainer. Zudem dient sie als Leergebinde­puffer für die Produktion der Bäckerei und die Leergebindesortierung. In einer Waschanlage werden die Leergebinde gereinigt. Wir sprechen hier von 18 000 Gebinden pro Stunde, die zurückkommen. 6000 gehen durch die Waschanlage für den internen Gebrauch in der Bäckerei und Konditorei. Die weiteren 12 000 Gebinde werden automatisch sortiert, palettiert und für die weitere Verwendung bereitgestellt.

Wozu dient der Kälteautomat?

Zehnder: Hier wird das gesamte Frischesortiment gelagert und vollautomatisch kommissioniert. Die Gebinde werden dabei auf Trays geladen und im TGW-Stingray-Shuttle-Puffer eingelagert. Anschliessend erfolgt die vollautomatische und filialgerechte Rollbehälterbeladung.

Welcher Projektabschnitt ist am wenigsten automatisiert?

Zehnder: Die Kommissionierung der allgemeinen Waren (Trockensortiment) erfolgt teilautomatisiert. Dies bedeutet, dass der Nachschub via viergassigem Hochregallager automatisch auf die Kommisionierplätze erfolgt. In den Kommissioniergassen erfolgt das eigentliche Kommisionierieren dann nach dem Pick–by-Voice-Prinzip. Für den Transport und zur Überwindung der grossen Distanzen wird neben der konventionellen Paletten- und Rollbehälterfördertechnik auch eine Elektrobodenbahn eingesetzt. Die Kommissionierung von Früchten und Gemüse sowie Blumen und Pflanzen erfolgt weitgehend ohne Automatisierung.

Wie ist der Betrieb der Logistikanlagen in Schafisheim softwaremässig gelöst?

Zehnder: Schafisheim wird seit 2014 mit dem neuen WAMAS-5-System ausgerüstet. Diese Standardsoftware soll bis 2018 bei Coop für alle Standorte eingeführt werden.

Kretz: Die Anlagensoftware kommt von unserer TGW Software Suite. Diese deckt alle mit der Intralogistik verbundenen Aufgabenstellungen vom Wareneingang bis zum Warenausgang vollständig ab. Eine optimale Auslegung und ein ideales Zusammenspiel mit der Mechatronik wird somit sichergestellt. Mit dem TGW-Commander-Pack-Pattern-Service können zudem filialgerechte Liefereinheiten vollautomatisch gebildet werden. Es bestehen klar definierte und standardisierte Schnittstellen zum übergeordneten WAMAS 5.

Herr Kretz, was für eine Herausforderung bedeutet die Realisierung des grössten Projekts in der Firmengeschichte für den TGW-Standort Schweiz?

Kretz: Wir sind in Rotkreuz für die Projektgesamtleitung mitverantwortlich und stellen den Gesamtprojektleiter für alle TGW-Gewerke. Die Fertigung und Vormontage der Konstruktionsteile geschieht in Wels/Österreich. Die Installation und Inbetriebsetzung übernehmen Equipen von TGW, die weltweit im Einsatz stehen. Mit Coop wurde zudem ein umfassender Servicevertrag abgeschlossen. Das gibt uns die Chance, hier in der Schweiz eine schlagkräftige Serviceorganisation aufzubauen. Dieser Prozess ist bereits im Gange. Das kommt natürlich auch unseren anderen Bestandskunden zugute.

Werden in Schafisheim nach Nutzungs­beginn ständig TGW-Leute stationiert sein?

Kretz: Der Servicevertrag beinhaltet nebst den TGW-Gewerken auch die Fremdgewerke, wie zum Beispiel die heute eingesetzten Regalbediengeräte der Firma MIAS. Um eine möglichst hohe Anlagenverfügbarkeit zu gewährleisten sind für die ersten zwei Jahre ab Nutzungsbeginn ständig Wartungs- und Servicemitarbeiter von TGW vor Ort im Einsatz.

Zehnder: Unser Ziel ist es, dass sich innert zwei Jahren das eigene Personal so viel Know-how in Schulungen und in der Praxis erarbeitet, dass wir den Anlagenunterhalt als Coop-Kernkompetenz selber übernehmen können. Als Back-up gibt es die Service-Hotline von TGW.

Herr Zehnder, was hat Sie vor der Auftragsvergabe am Angebot von TGW fasziniert?

Zehnder: Coop wollte möglichst grosse Projektpakete beauftragen. TGW hat sich als kompetenter Partner erwiesen, der in der Lage war, ein so breites Spektrum an Logistikgewerken als Generalunternehmer umsetzen zu können. Wir kennen die Stärken des Unternehmens, beispielsweise im Karton-Direkthandling und sind davon überzeugt, dass wir hier eine funktionelle, effiziente und zukunftssichere Investition getätigt haben. Zudem fällt es leichter, einem Inhaber geführten Unternehmen das Vertrauen zu schenken.

Besten Dank, meine Herrn, für Ihre interessanten Ausführungen.


Info
TGW Systems Integration AG
6343 Rotkreuz
Tel. 041 799 40 00
Fax 041 799 40 01
systems.ch@tgw-group.com
www.tgw-group.com



Einbringung des 30-Tonnen-Regalbediengerätes in das Tiefkühllager. Im Bild links ist der Kälteautomat. (Bilder: TGW)


Clemens Zehnder: «Wir kennen die Stärken von TGW, beispielsweise im Karton-Direkthandling.»


Beat Losenegger (l): «Diese einzigartige Konstellation ermöglicht uns, auf lediglich 3500 Quadratmetern Grundfläche rund 17 000 Paletten zu lagern und eine voll­auto­matische Kartonkommissionieranlage mit 38 000 Stellplätzen und einer Leistung von 4500 Kartons pro Stunde zu realisieren.»
Thomas Kretz (r): «Dank dem Grossprojekt Schafisheim können wir in der Schweiz unsere Serviceorganisation weiter ausbauen, was auch Folgeprojekten zugute kommt.»


Das TGW Stingray Shuttle setzt neue Massstäbe im Karton-Direkthandling.


Einzigartige Konstruktion: Das Palettenhochregallager ist über dem TGW-Stingray-Shuttle–Kartonlager platziert.