Eine Publikation der Binkert Medien AG
Alexander Fuchs, Software-Berater, Wanko Informationslogistik GmbH : Ausgabe 07/08/2016, 22.08.2016

Wie fit sind Ihre Systeme?

Industrie 4.0, Digitalisierung und Vernetzung der Dinge assoziieren ein Szenario der optimalen Prozesse mit hoher Autonomie der interagierenden Systeme. Doch bisher fehlende Kommunikationsstandards lassen das Zusammenspiel der Systeme mit ihren jeweils eigenen Sprachen und Daten des Öfteren eher an Babylon erinnern. Die reibungslose Verständigung ist eine Fata Morgana.

Beim Schnittstellenmanagement der Software-Systeme wird offensichtlich, dass zum Gelingen auch die Frage nach der «Bringschuld» mit ins Spiel kommt. In unserer komplexen Wirtschaftswelt verschmelzen die Unternehmen innerhalb der Supply Chain immer stärker mit den Strukturen ihrer Lieferanten und Kunden. Die dadurch entstehenden hoch differenzierten, internen sowie unternehmensübergreifenden Abläufe müssen aber auf Software- ebene geplant und operativ gesteuert werden. Der Wertbeitrag, den die IT dabei für Unternehmen leistet, ist daher so hoch wie nie: Geschäftsprozesse basieren auf einem komplexen System von miteinander verbundenen und abhängigen Software-Anwendungen. Ihr reibungsloser Ablauf ist ein wichtiger Faktor für nachhaltigen Markterfolg. Es geht also um Systeme, die über Schnittstellen kommunizieren. Diese bilden den Übergang zwischen unterschiedlichen Programmen und ermöglichen den Datenaustausch. Dass dieser Tausch zwischen den Systemen synchron verläuft, dafür müssen deren Oberflächen und Datenstrukturen zusammenpassen, d.h. sie müssen kompatibel sein. Datenaustausch über Kompatibilität – eine Bedingung, welche in der Realität nicht erst auf den zweiten Blick eine unproblematische Kommunikation in Frage stellt. Doch welcher lösungsorientierte Kunde, der sich durch den Erwerb einer Software smartere Logistik-Abläufe für sein Unternehmen erhofft, möchte zusätzliche Baustellen, die zudem mit finanziellem Mehraufwand verbunden sind?

Laut Studien und Umfragen ist das Thema «Schnittstellen» im Kontext von Logistik-Software daher eines der sensibelsten, und der Fähigkeit des effektiven Schnittstellenmanagements wird bei der Auswahl eines Anbieters besonderes Augenmerk geschenkt. Doch die Frage ist: Wie sieht das Management überhaupt aus? – oder noch konkreter: Wer muss eigentlich was managen? Ist nämlich die Antwort auf erwünschte Ziele des Kunden mit dem Lösungsportfolio seitens des Software-Anbieters gegeben, ist es Aufgabe des zukünftigen Nutzers, seinerseits überhaupt arbeits- und belastungsfähige Daten liefern zu können. Keine Selbstverständlichkeit, und dass der Kunde selbst bei Schnittstellen «mitmanagen» muss, wenn er neue Logistik-Software implementiert, daran denken wohl die wenigsten im Vorfeld einer Kaufentscheidung. Alexander Fuchs, Berater beim Software-Haus Wanko Informationslogistik GmbH mit Firmensitz in Ainring, erklärt im Interview seine Sicht als Anbieter von TMS-, WMS- und Telematik-Systemen, seine Erfahrungen im Markt sowie mögliche zukünftige Lösungsszenarien.

Material Handling: Wie geht Wanko mit der Schnittstellenproblematik um?

Alexander Fuchs: Das Thema ist weitgefächert. Gemeint sind hier aber die externen Schnittstellen eines Anwenders, der mehrere Partner aus verschiedenen Häusern zusammenbringen muss, und seine Furcht vor dem Nichtfunktionieren des Gesamtsystems. Das Dilemma besteht darin, dass es einerseits keine eierlegende Wollmilchsau, auf der anderen Seite aber auch keine Alternative zu unserer Zukunftsentwicklung gibt. Beim Thema Industrie 4.0 benötigen wir Informationskompatibilität. Die Systeme müssen für den Datenaustausch geeignet sein – liefern und aufnehmen können.

MH: Wer trägt die Verantwortung?

Fuchs: Auf uns bezogen zeigt sich in den Projekten, dass Wanko eigentlich immer die flexiblere Schnittstellenmimik hat. Das Problem ist der Export der Kundendaten, dass der Kunde die benötigten Daten zum richtigen Zeitpunkt aus seinem System liefert. Auf Kundenseite ist es daher wichtig zu wissen, was das eigene ERP-System kann. Die benötigten Schnittstellen sind zuweilen in den Systemen gar nicht angedacht, das heisst, nicht wenige sind veraltet oder nicht für das Zusammenspiel mit anderen Systemen konzipiert. Viele Daten kommen inzwischen auch nicht mehr über Standardschnittstellen. Oft müssen dafür Zusatzsegmente eingebaut oder sogar ganz neue Schnittstellen generiert werden. Der Kunde muss sich also für den Gebrauch der neuen Software fit machen. Was er damit zukünftig vorhat, das ist das eine, aber welchen aktuellen Status er hat, das ist zunächst für das Zusammenspiel mit uns wichtig, um überhaupt beginnen zu können.

MH: Wie sieht das in Prozentzahlen aus?

Fuchs: 95 Prozent aller Kundenfälle brauchen Schnittstellen, bei rund 40 Prozent davon geht es in die Tiefe, 20 Prozent wiederum davon sind sehr komplex. Wir verursachen die Probleme nicht, sondern zeigen sie lediglich auf. Die Anschaffung unseres TMS oder WMS zwingt den Kunden seine Datenkonsistenz zu überprüfen und eigene Prozesse zu überdenken.

MH: Hürden für die neue Effektivität...

Fuchs: Ja, aber keine Frage der Machbarkeit, sondern der Zeit und Kosten. Aufgrund der Budgetvorstellung wird nach dieser Erkenntnis dann auch zuweilen lieber händisch mit Excel weitergearbeitet. Effektivität hin oder her.

MH: Wie gross muss der Druck sein, um diese Investitionsscheu zu überwinden?

Fuchs: Viele Kunden reagieren nur unter Druck ihrer Kunden und investieren in EDV, seltener aus wirtschaftlicher Weitsicht.

MH: Was sind die grössten gängigen Probleme?

Fuchs: Grösstes Problem ist die saubere Datenbeschaffung. Die Daten müssen erstens exportierbar, zweitens verfügbar und drittens in strukturierter Form als Datenbankinformation vorhanden sein. Die Technik als solche ist bei uns kein Problem, sondern das Organisatorische, das Beschaffen der strukturierten Datensätze.

Das Prozedere sieht so aus, dass der Kunde artikuliert, was er mit der Software erreichen will, und Wanko geht von diesen Zielvorstellungen rückwärts und sagt ihm, welche Daten wir von ihm dafür brauchen. Unser Anliegen: Der Kunde muss in der Lage sein, die strukturiert aufbereiteten Daten für ein Lager oder einen Transport zu liefern. Oft wird unterschätzt, dass das in dieser kompatiblen Ordnung nötig ist.

MH: Gibt es innerhalb der Branchen Unterschiede?

Fuchs: Nein, in Bezug auf Schnittstellen für uns nicht ersichtlich.

MH: Wo ordnen Sie sich im Wettbewerb ein?

Fuchs: Auf Grund unserer Lösungskompetenz erhalten wir von den Kunden viel Zuspruch. Wanko passt auf Basis unserer vorhandenen Komponenten die Software auf die Arbeitsabläufe des Kunden an.

MH Wie sehen Sie mit dieser Ausgangssituation die Realisierung von Industrie 4.0?

Fuchs: Selbst die grossen ERP-Anbieter werden ihre Systeme überarbeiten und erweitern müssen. Mit unserer Expertise im Bereich Schnittstellen zu mannigfachen ERP-System sind wir für Industrie 4.0 bestens aufgestellt.

MH: Geht die Tendenz zukünftig eher zum Standard?

Fuchs: Ja, wenn dieser auch die individuellen Prozesse berücksichtigt.

MH: Werden Clouds die Lösung sein?

Fuchs: Wer in der Informationskette baut und unterhält diese dann? In Deutschland sind wir auch noch nicht so weit. Da ist die Angst um die Sicherheit noch zu gross.

MH: Wir halten fest, dass die Schnittstellenproblematik die Frage der Verantwortung beinhaltet – und darunter fallen auch die Hoheit des Kunden über seine Schnittstellen sowie sein kompatibler, strukturierter Datenexport. Statt Schnittstellenmanagement sollte man daher vielleicht eher von Schnittstellenfähigkeit auf beiden Seiten – Anbieter und Anwender – sprechen?

Fuchs: Das ist ein guter Ansatz.

Das Interview führte Gisela Upmeyer, Geschäftsleiterin der GMP München. www.gmp-muenchen.de


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Funktionierende Schnittstellen sind wichtige Faktoren in der Supply Chain. (Bilder: Wanko)


Alexander Fuchs: «Auf Kundenseite ist es wichtig zu wissen, was das eigene ERP-System kann.»