Eine Publikation der Binkert Medien AG
Marc Waeber, Geschäftsführer Klingler Fahrzeugtechnik AG, Unterentfelden : Ausgabe 06/2017, 05.06.2017

«Unsere Qualität rechnet sich»

Die Klingler Fahrzeugtechnik AG entwickelt und baut seit über 35 Jahren massgeschneiderte Elektronutzfahrzeuge. Einsatzgebiete sind Gemeinden, der öffentliche Dienst, Gartenbau-, Agronomie- und Industriebetriebe. Die Fahrzeuge werden aber auch zum Personen- und Warentransport in autofreien Gemeinden eingesetzt.

Neben den eigenen Klingler-Produkten vertritt das Unternehmen zahlreiche renommierte Marken in der Schweiz. Die Produkte dieser Hersteller werden den Bedürfnissen der Kunden und den gesetzlichen Vorschriften entsprechend umgebaut. Material Handling hatte Gelegenheit zu einem Interview mit dem Geschäftsführer Marc Waeber.

Material Handling: Wie kann man bei diesen hohen Lohnkosten in der Schweiz Elektronutzfahrzeuge bauen?

Marc Waeber: Wir bewegen uns in einer engen Nische und sind sehr spezialisiert. Zudem gibt es teilweise keine Handelsprodukte auf dem Markt, welche die Kundenanforderungen abdecken. Unsere Fahrzeuge sind massgeschneidert auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet. Darum ist auch in der Schweiz eine Fahrzeugproduktion profitabel. Individualität und Qualität haben ihren Preis, wenn ein Fahrzeug über zwanzig Jahre im Betrieb eingesetzt werden kann rechnet sich auch ein höherer Erstinvest.

Seit wann befasst sich das Unternehmen mit dem Bau von Elektronutzfahrzeugen?

Die Wurzeln des Unternehmens gehen zurück auf das Jahr 1902. Damals entwickelte der Elektrotechniker Johann Tribelhorn sein erstes Elektrofahrzeug und gründete die Firma Tribelhorn AG. Diese wurde im Laufe der Zeit als EFAG, Elektrische Fahrzeuge AG, und später NEFAG weitergeführt. Anfang der 1980er-Jahre übernahm Willy Klingler durch ein Management Buyout die Elektrofahrzeugsparte von Oehler Aarau. Er gründete die W. Klingler Fahrzeugtechnik AG. In den 1990er-Jahren kam die Elektrofahrzeugsparte der Firma MOWAG in Kreuzlingen dazu. Im Sommer 2012 haben wir von Willy Klingler und seiner Familie das Unternehmen übernommen.

Wo sehen Sie die Vorteile Ihrer Elektronutzfahrzeuge?

Ein Elektronutzfahrzeug ist ideal, wenn kurze Distanzen gefahren werden, wirtschaftlich und technisch noch überlegener ist ein Elektrofahrzeug beim Stop and Go-Betrieb. Bei Kurzdistanzen eignet sich ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor weniger, da sind die Betriebskosten enrom hoch. Zudem entfallen im Kurzstreckenbetrieb anfällige Baugruppen komplett (z. B. Kupplung, Getriebe). Beim Schleppen überzeugt das maximale Drehmoment aus dem Stand, welches insbesondere an Steigungen ein sicheres und komfortables Anfahren ermöglicht. Neben geringem Verschleiss zählt auch die Arbeitsgeschwindigkeit (kein Starten des Motors, Kuppeln, Schalten etc.), der Fahrkomfort, die geringe Lärmbelastung sowie der Emissionsfreie Betrieb, welcher auch einen positiven Imageeffekt hat. Neben all diesen Vorteilen überzeugt ein Elektro­fahrzeug trotz höherem Anfangsinvest und allfälligem Er­satz der Batterien auch wirtschaftlich, wenn eine Lebenskostenbetrachtung durch­geführt wird.

Haben Sie jemals daran gedacht, Hybridfahrzeuge zu bauen?

Es macht keinen Sinn zwei komplette Antriebssysteme zu verbauen. Wir bauen Verbrennungsmotoren höchstens als Generator auf die Fahrzeuge auf, wenn der Energieverbrauch der Anbaugeräte dies erfordert.

Welche Zugkraft vermögen Ihre Schlepper zu vollbringen?

Elektrisch wird bis 55 oder 60 Tonnen geschleppt. Für ganz schwere Schlepperanwendungen machen wir dann eine Ausnahme und setzen Dieselfahrzeuge ein. Eine solche Anwendung ist das Bewegen von Sattelaufliegern in Logistikunternehmen.

Wie ich sehe, steht im Zentrum des Antriebs Ihrer Fahrzeuge die Blei-Säure-Batterie. Ist die Lithium-Ionen-Technologie für Sie ein Thema?

Unsere Kunden haben ein Hauptbedürfnis: Sie möchten Ihre Arbeit effizient und wirtschaftlich erledigen können. Die Kombination aus Motor und Batteriepaket muss optimal auf die Anforderungen ausgelegt sein. Auf Blei-Basis gibt es unterschiedlichste Technologien, wir haben ebenfalls Energiepakete auf Lithium-Basis positiv getestet, die Technik ist ausgereift, allerdings noch relativ teuer in der Anschaffung. Wir müssen jeweils mit dem Kunden die passende Lösung finden.

Das Problem bei der Blei-Säure-Batterie sind die langen Ladezeiten ...?

Je nach Batterietechnologie können wir auch auf Blei-Basis Ladezeiten von etwa viereinhalb Stunden für eine Vollladung realisieren, Zwischenladungen sind ebenfalls möglich. Ein Beispiel ist ein Speisetransportfahrzeug: Beim Be- und Entladen – also wenn das Fahrzeug steht – wird immer zwischengeladen. Die Lithium-Ionen-Technologie ist sehr interessant, sie funktioniert nachweislich, ist aber momentan noch sehr teuer. Zudem brauchen wir beim Schlepper Gewicht für die optimale Traktion beim Bremsen. Für die meisten Anwendungen ist deshalb nach wie vor die Blei-Säure-Batterie die wirtschaftlichste Lösung.

... und für einen Transporter?

Hier brauchen wir Nutzlast. Daher bringt die Lithium-Ionen-Technologie zusätzliche Vorteile, insbesondere im Schichtbetrieb oder wenn anderweitig von den schnellen Zwischenladungen profitiert werden kann. Wirtschaftlich lohnt sich der Einsatz allerdings erst nach einer hohen Gesamtbetriebsdauer, denn wie gesagt, die Sache ist noch sehr teuer.

Was hat sich in den letzten Jahren bei der Blei-Säure-Batterie verändert, dass sie trotzdem noch so interessant ist?

Vor allem die Hochfrequenz-Ladegeräte sind ein bedeutender Fortschritt, die Energieverluste beim Laden sind massiv reduziert worden. Die Batterie selbst ist praktisch unverändert geblieben.

Was gibt es für spektakuläre Transportaufgaben, die Sie als Highlight bezeichnen würden?

Ein Beispiel ist das Rangieren von Kampfflugzeugen aus und in den Hangar.

Welche Faktoren spielen bei der Fahrzeugkonstruktion eine grosse Rolle?

Die Ergonomie wird immer wichtiger. Das bequeme Ein- und Aussteigen muss gewährleistet sein. Zudem muss – gerade weil wir in der Schweiz fertigen – besonders fertigungs- und montageoptimiert entwickelt werden. Ein optimales Fahrwerk sorgt jederzeit für beste Traktion. Die Service- und Wartungsfreundlichkeit muss gegeben sein. Und natürlich müssen die gesamten Betriebskosten die Vorstellungen des Kunden erfüllen.

Ist der Schleppereinsatz im Logistikbereich für Sie ein Thema?

Wir bieten für innerbetrieblichen Transport unterschiedlichste Lösungen an, auch in Kombination mit speziellen Anhängerlösungen. Wir denken, dass im Logistikbereich und insbesondere in der Produktionsversorgung durchaus noch Auftragspotenzial liegt. Im Bereich der Spitallogistik haben wir schon viele Fahrzeuge ausgeliefert, die zur vollsten Zufriedenheit der Kunden ihren Dienst verrichten.

Würden Sie sich zutrauen auch Fahrerlose Transportsysteme zu produzieren?

Der interne Aufbau dieses Know hows ist ist für uns als KMU nicht interessant, wir realisieren solche Projekte mit externen Partnern.

Wie ist es um den Service für Ihre Fahrzeuge bestellt?

Ein starkes Serviceteam betreut die Fahrzeuge direkt beim Kunden vor Ort, wenn es um Wartung oder Reparaturen geht. Der grösste Teil an Reparaturen wird direkt beim Kunden erledigt, Dadurch können die Ausfallzeiten auf ein Minimum reduziert werden. Für schnelle Reaktionszeiten verfügen wir über ein grosses Ersatzteillager. Wir betreuen Fahrzeuge unterschiedlichster Hersteller. auch ältere Fahrzeuge können kompetent betreut oder revidiert werden.

Herr Waeber, besten Dank für das interessante Interview.


Info
Klingler Fahrzeugtechnik AG
5035 Unterentfelden
Tel. 062 723 79 79
Fax 062 723 67 38
info@klingler-ag.ch
www.klingler-ag.ch



Die vollelektrische Wegebahn Klingler EZM 8650 kann bis zu 60 Passagiere aufnehmen. (Bilder: Klingler Fahrzeugtechnik AG)


Marc Waeber: «Ein Elektronutzfahrzeug ist ideal, wenn kurze Distanzen gefahren werden.»


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