Eine Publikation der Binkert Medien AG
Dr. Andreas Echelmeyer, Director Conveying & Loading Systems, Beumer Group : Ausgabe 07/08/2017, 21.08.2017

«Wir müssen zuhören können»

Die Beumer Group befasst sich als international führender Hersteller der Intralogistik unter anderem mit Systemen und Anlagen für den Schütt- und Stückguttransport in aller Welt. Und das mit Erfolg. Überzeugend ist das technische Know-how und das Aufzeigen des richtigen Weges, um Produkte schnell, sicher und wirtschaftlich von A nach B zu transportieren.

Lange Distanzen, grosse Höhen, hohe Temperaturen – so unterschiedlich, wie die Anforderungen in der Fördertechnik sind, so individuell sind die Systemlösungen der Beumer Group. Dr. Echelmeyer ist Director Conveying & Loading Systems bei der Beumer Group in Beckum. Er gibt im Interview Einblick in die Aktivitäten in seinem Verantwortungsbereich.

Material Handling: Herr Dr. Echelmeyer, was sind Ihre Aufgaben und welche Ziele möchten Sie erreichen?

Dr. Andreas Echelmeyer: Seit August 2015 leite ich das neue Center of Competence (CoC) für Conveying & Loading Systems (CL Systems). Unter der Führung des CoC wollen wir komplexe Systemlösungen für ganz unterschiedliche Branchen wie Mining, die Rohstoffindustrie oder für den Hafenumschlag weltweit entwickeln und umsetzen.

Doch dazu müssen uns die Anwender auch auf diesem Gebiet wahrnehmen. Die Beumer Group ist als Anbieter innovativer Lösungen für die Intralogistik bekannt. Immer noch sind manche überrascht, wenn sie hören, wie rasant sich unser Unternehmen in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Wir treten heute auch als Anbieter für komplexe Systemlösungen in der Rohstoffindustrie auf, einem Bereich, der traditionell nur durch das Geschäft mit Einzelmaschinen bedient wurde. Unser Ziel ist es, global als schlagkräftiger Partner auch auf dem Gebiet des Anlagenbaus bekannt zu werden. Die Anfragen kommen seltener aus Deutschland, als vielmehr aus Australien, Fernost, Afrika, Südamerika oder den USA.

Die Aufgabe besteht nun darin, ein internationales Team für Conveying & Loading Systems aufzubauen, das projektbezogen zusammenarbeitet. Denn um weltweit einen hohen Standard sicherzustellen, müssen wir in allen Regionen kompetente Mitarbeiter aus unseren Landesgesellschaften mit ins Boot holen.

Was hat sich mit dem Bereich CL Systems für die Beumer Group nun geändert?

Echelmeyer: Wir haben unsere Wurzeln im Material-Handling. Dabei geht es insbesondere darum, Schüttgüter effizient zu bewegen. Jede Branche stellt jedoch ihre ganz eigenen Anforderungen. Die Zementindustrie setzt zum Beispiel immer stärker auf alternative Brennstoffe, die sogenannten Alternative Fuels and Raw Materials, um den Einsatz teurer primärer Brennstoffe wie Kohle und Öl zu reduzieren. Dabei kann es sich auch um der Anwendung entsprechend aufbereiteten Haushaltsmüll handeln. In der Handhabung ist dieses Material auf Grund der unterschiedlichen Zusammensetzung oft sehr komplex. Mit unserer umfassenden Systemlösungskompetenz beraten wir unsere Kunden und liefern ihnen komplette Anlagensysteme – für die Annahme am Werkstor über die Lagerung, die Mischung, den Transport und schliesslich für das Einbringen in den Zementproduktionsprozess über Hauptbrenner oder Kalzinator.

Wie definieren Sie für Ihre Arbeit System­lösungskompetenz?

Echelmeyer: Um eine Lösung masszuschneidern, müssen wir genau zuhören können und die richtigen Fragen stellen. Oft handelt es sich dabei um Fragen, mit denen sich der Kunde noch gar nicht auseinandergesetzt hat. Es kommt aber auch vor, dass er bereits eine konkrete Vorstellung von seiner Lösung hat. Gemeinsam analysieren wir die Aufgabenstellung. Im Dialog mit uns erkennt der Anwender, dass wir ihm eine optimale Systemlösung liefern können, die sich durchaus von seinen bisherigen Vorstellungen erheblich unterscheiden kann. Eine wichtige Voraussetzung für uns als Anlagenbauer ist zudem Flexibilität. Denn um individuelle Aufgabenstellungen zu meistern, müssen auch wir uns je nach Anwendung von bereits bewährten Lösungen trennen und ganz neue Ansätze finden.

Wie kommen Sie mit den Anwendern in Kontakt?

Echelmeyer: Unsere weltweit aufgestellten Mitarbeiter sind mit unseren Kunden in engem Kontakt. Wir tauschen uns permanent aus. Die Kollegen vor Ort kennen sich mit den landesspezifischen Gepflogenheiten aus, beherrschen die Landessprache und wissen um die jeweiligen Markt- und Kundenanforderungen. Sie erkennen entsprechende Potenziale und eventuellen Handlungsbedarf. Im besten Fall kommt aber auch der Kunde schon in einem frühen Stadium auf uns zu. Wir entwickeln dann gemeinsam mit ihm ein optimales System. Tritt ein Kunde an uns heran, zu dem bisher noch kein Kontakt bestand, schicken wir Spezialisten von unserem Standort in Beckum (Deutschland) zu ihm. Gemeinsam mit ihm sowie einem Team aus der lokalen Landesgesellschaft und den Spezialisten des CoC diskutieren wir dann vor Ort die konkrete Aufgabenstellung. Eine dritte Möglichkeit: Wir erhalten vom Kunden eine Ausschreibung. Wir analysieren und prüfen sie auf Vollständigkeit, ob alle unsere Fragen hinreichend beantwortet sind und werten sie anschliessend aus. Gemeinsam mit den Kollegen aus der jeweiligen und zuständigen Niederlassung erarbeiten wir dann eine entsprechende Lösung.

Ihr Bereich nennt sich organisatorisch Center of Competence (CoC) – die globale Zusammenfassung innerhalb einer Matrix-Organisation. Arbeiten Sie auch mit anderen CoC zusammen?

Echelmeyer: Bei Aufträgen zum Beispiel aus der Zementindustrie sind wir mit unseren Kollegen aus dem CoC Zement in sehr engem Kontakt. Wir profitieren von ihrer Kompetenz genau wie sie von der unseren. Diese Zusammenarbeit ist immer projektbezogen.

Aus welchen Branchen kommen die Anfragen?

Echelmeyer: Das ist sehr unterschiedlich. Denn unsere Systemlösungen kommen überall dort zum Einsatz, wo es um den Transport von grossen Mengen Schüttgut geht. Das betrifft insbesondere die Erz- und Rohstoffindustrie, aber auch Anwendungen ausserhalb dieser angestammten Bereiche – wie der Transport von Nahrungsmitteln. In Häfen sorgen wir beispielsweise dafür, unterschiedliche Materialien effizient auf Schiffe zu befördern.

Welche Eigenschaften müssen Ihre Mitarbeiter mitbringen?

Echelmeyer: Sie können sich sicher vorstellen, dass wir für diese Aufgabe sehr erfahrene und kompetente Ingenieure einsetzen, die sich nicht einengen lassen dürfen. Denn oft beschreiten sie ganz neue Wege, um die passende Systemlösung umzusetzen. Gerade in der Fördertechnik für Überlandförderer werden die Anforderungen immer umfassender. Lkw-Transporte verlieren weltweit immer mehr an Akzeptanz. Deshalb müssen wir mit unseren Förderern immer komplexere Herausforderungen hinsichtlich der Topographie bewältigen. Wir konzipieren Systeme mit Längen von mehr als zwölf Kilometern, die das Fördergut über schwerste Steigungen und Gefällstrecken führen – und das an einem Stück ohne zwischengeschaltete Übergabetürme.

Um nicht vorher ein Expeditionsteam losschicken zu müssen, benötigen wir eine entsprechende Software, mit der wir Satelliten- und Luftbilder unterschiedlicher Auflösung mit den jeweiligen Topografiedaten überlagern können. Die Herausforderung für meine Mitarbeiter besteht nun darin, das Projekt einzuschätzen und zu bewerten, um dem Kunden ein konkretes Angebot machen zu können. Dafür steht uns in der Regel sehr wenig Zeit zur Verfügung. Erreichen können wir das nur mit einem internationalen und exzellenten Team.

Welche Erfahrungen bringen Sie in Ihre neue Tätigkeit mit ein?

Echelmeyer: Ich kenne sowohl die Sicht eines Anlagenbauers als auch die des Anwenders. Ich war acht Jahre in der Stahlindustrie beschäftigt. Als ehemaliger Produktionsleiter weiss ich, was es heisst, komplexe Anlagen zu betreiben, die mehr als 13 000 Tonnen Stahl am Tag herstellen. Und daher kenne ich auch die Anforderungen, die der Anwender an den Anlagenbau hat. Anschliessend habe ich die Seiten gewechselt und bin seit zwölf Jahren im Anlagenbau tätig. In dieser Zeit habe ich unter anderem einen Bereich für den globalen Customer Support aufgebaut und weiss deshalb, was unsere Kunden erwarten: Sie stellen hohe Anforderungen an die Maschinenverfügbarkeit und damit an den Kundenservice.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung für den Anlagenbau im Bergbau?

Echelmeyer: Die Preise für Rohstoffe wie Eisenerz oder Kupfer befinden sich seit etwa zwei, drei Jahren in einer tiefen Talsohle. Deshalb gestaltet sich der Markt aktuell auch sehr schwierig. Wir spüren das, weil Unternehmen Investitionen kürzen und Projekte stoppen. Wir rechnen mit weiteren zwei, drei Jahren mit geringer Investitionstätigkeit, dann wird sich der Markt aber wieder beruhigt haben. Was hat sich noch verändert? Generell gibt es einen Trend hin zu immer grösseren Tonnagen und Durchsätzen, da grössere Produktionsstätten effizienter sind. Viele Anwender möchten nicht mehrere Anlagen parallel aufstellen, sondern mit nur einer Linie oder einer möglichst geringen Zahl an Linien ihren kompletten Bedarf abdecken. Dieser Trend beeinflusst erheblich die Entwicklung unserer Anlagen und Systeme.

Heute geht der Trend zu einem umfassenden Produktportfolio, um den Kunden komplette Lösungen für den gesamten Produktionsprozess einschließlich Customer Support anzubieten. Kommen alle Komponenten aus dem Hause Beumer?

Echelmeyer: Wir wollen den Kunden umfassend betreuen und damit auch Schnittstellen vermeiden. Deshalb liefern wir alles aus einer Hand. Bei vielen Komponenten, die nicht zu unserem Portfolio gehören, stellen wir uns immer die Frage «kaufen wir sie zu oder stellen wir sie selbst her»? Bei Getrieben und Elektromotoren, aber auch Systemen, mit denen sich zum Beispiel Materialströme messen lassen, setzen wir zum einen auf ausgewählte Partner. Zum anderen verschaffen wir uns auf Messen ein klares Bild über die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt. Nur so können wir unseren Kunden stets die optimale Lösung mit Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit liefern. Für einen Anlagenbauer ist es nicht ungewöhnlich, sehr viele Komponenten zuzukaufen. Damit konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz und haben immer die besten Lösungen im Einsatz. Unser Ziel ist stets, dem Kunden eine schlüsselfertige Anlage zu liefern, mit der er effizient arbeiten kann.

Planen Sie ein Schüttgut-EPC-Unternehmen (Engineering, Procurement and Construction) – oder gar ein EPCM-Anbieter (Engineering, Procurement and Construction Management) für Grossanlagen zu werden – auch, um Schnittstellen zu vermeiden?

Echelmeyer: Nicht zwangsläufig. Als Anlagenbauer wollen wir uns um geeignete Systemlösungen kümmern und uns weniger mit dem Industrie- oder Erd- und Betonbau beschäftigen. Hinzu kommt: Ob in China oder Feuerland, Australien oder Alaska – überall herrschen andere klimatische Bedingungen und es gibt unterschiedliche Gesetzgebungen. Deshalb stellt sich bei jedem Projekt für uns die Frage: Wickeln wir es allein ab oder suchen wir uns in der Region einen starken Partner? Denn dieser kennt das eigene Umfeld, er ist meist gut vernetzt und weiss auch um die Preisgestaltung. Wir wollen stets die Schnittstelle sauber beherrschen. Ob wir auf einen Partner setzen, entscheiden wir in der Regel im Einzelfall. Wir haben das Thema EPC jedoch sehr genau im Blick.

Für unsere Kunden zählt, dass sie mit uns einen kompetenten Ansprechpartner haben. Denn sie wollen schliesslich keinen Tunnel kaufen, auch keine Fundamente. Sie wollen ein System, das ihre Probleme löst.


Info
Beumer Group GmbH & Co. KG
DE-59269 Beckum
Tel. +49 2521 24 0
Fax +49 2521 24 80 0
beumer@beumergroup.com
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In Vietnam realisierte Beumer für den Zementhersteller Cong Thanh den Routenverlauf auf einem sehr schmalen Landstrich. (Bilder: Beumer Group)


«Unsere Kunden wollen ein System, das ihre Probleme löst.» Dr. Andreas Echelmeyer, Director Conveying & Loading Systems, Beumer Group