Eine Publikation der Swissprofessionalmedia AG
Ausgabe 1/2020, 17.02.2020

Noch nicht automatisiert? Kein Grund zur Panik

Gehören Sie zu jenen Unternehmen, welche im Bereich Automation sämtliche Entwicklungen der letzten Jahre oder sogar Jahrzehnte verschlafen haben? Keine Sorge, dies alleine ist noch kein Grund zur Panik.

Autor: Arno Draxler

Der Titel ist bewusst provokant gewählt, er soll zum Nachdenken anregen. Und er soll jenen Unternehmern und Entscheidungsträgern Mut machen, welche mit ihren Produkten und Dienstleistungen nach wie vor gewinnbringend am Markt sind, obwohl sie bisher keinerlei Automationslösungen in ihren Betrieben eingeführt haben. Speziell Ihnen sei hier gesagt: Es gibt keinen Grund in Panik zu verfallen, nur weil die ganze Welt von Automation spricht, während in Ihrem Unternehmen weiterhin rein manuell gearbeitet wird. Nehmen Sie sich ruhig die nötige Zeit, die es braucht, denn nur wer auch auf die richtige Lösung setzt, wird langfristig gewinnen. Und gerade diese zu finden, ist heute aufgrund der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten schwieriger denn je!

Nur ein Hype?

Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen «Die ganze Welt automatisiert, also muss ich das ebenso tun»? Dann sind Sie mit Sicherheit nicht alleine. So weit, so einfach! Schwieriger wird es aber, wenn es um konkrete Ideen und Lösungen geht. Spätestens dann stellt sich nämlich auch die Frage nach dem tatsächlichen Ziel der Automation – also danach, welche konkreten Einsparungen oder Verbesserungen man erwartet. Und an diesem Punkt passieren oft die ersten Fehler, nämlich dann, wenn man mit einer fertigen (im Grundsatz durchaus guten und intelligenten) Automationslösung «aus der Schublade» bestehende (Teil-)Prozesse ersetzen will, ohne seine Prozesse vorher ganzheitlich zu analysieren sowie auf deren Sinnhaftigkeit zu prüfen. Selbst wenn diesem Ansatz (zumindest erwartete) Personaleinsparungen bzw. Optimierungen gegenüberstehen, der Fehler liegt oft darin, nur den reinen Business Case einer Automation zu betrachten ohne alternative Ansätze zu prüfen. Und nicht selten werden dann ineffiziente Prozesse einfach nur automatisiert.

Zuerst optimieren, dann automatisieren

Wenn man hingegen die IST-Prozesse objektiv auf Optimierungspotenzial prüft und erst im Anschluss daran eine Automationslösung evaluiert, kann schon einmal eine gewisse Ernüchterung erfolgen, wenn man nämlich erkennt, dass dieses verbleibende Einsparpotenzial in Summe wesentlich geringer ist als ursprünglich gedacht. Ein klassisches Beispiel aus der Praxis ist, dass durch Automation hohes Einsparpotenzial auf Basis der IST-Kosten gesehen wird, während aber die Mitarbeiter tatsächlich nur durch eine Vielzahl unregelmässig auftretender Leerzeiten höchst ineffizient ausgelastet sind. Sieht man also den aktuellen Mitarbeiterbedarf einfach als gegeben an, so kann eine Automationslösung bald einmal interessant erscheinen.

Wenn aber – wie erst kürzlich bei einem namhaften, börsenkotierten Unternehmen im Logistikbereich festgestellt wurde – die tatsächliche Mitarbeiterauslastung unter 30 Prozent liegt, so sollte dies ein guter Grund sein, zuerst einmal die eigenen Prozesse näher zu evaluieren, bevor ein Automationsprojekt gestartet wird. Kann die Effizienz gesteigert werden, indem man zum Beispiel Taktzeiten optimiert, Teilprozesse besser aufeinander abstimmt oder die Auftragseinlastung (und somit Mitarbeiterauslastung) besser steuert? Und falls ja – wieviel Potenzial verbleibt dann noch durch Automation? Aber selbst angenommen, sämtliche manuellen Prozesse sind bereits optimiert und weitere Einsparungen können nur mehr durch Automation generiert werden, so verbleibt noch ein weiteres (Grundsatz-)Thema, welches gerne unterschätzt oder sogar vergessen wird.

Formel 3:1 oder «Die Personalkostenfalle»

Natürlich kann durch Automation oftmals eine signifikante Personaleinsparung erzielt werden, denn das oben zitierte Extrembeispiel einer nur 30-prozentigen Mitarbeiterauslastung ist sicher eine Ausnahme. Keine Ausnahme hingegen ist, dass für einen gut ausgebildeten und (halbwegs) erfahrenen Automations-/IT-Spezialisten aktuell mit zumindest doppelt so hohen Personalkosten zu rechnen ist wie für klassische Mitarbeiter im Bereich Logistik und/oder Produktion – Tendenz steigend! Der Arbeitsmarkt ist stark im Wandel und dies ist (in mittlerweile fast allen Bereichen des täglichen Lebens) hauptsächlich getrieben durch den Boom an neuen (IT)-Technologien sowie auch den damit verbundenen Automationsmöglichkeiten.

Rein technologisch gesehen sind der Automation heute kaum mehr Grenzen gesetzt, es gibt praktisch nichts mehr, was nicht automatisierbar ist, und sogar der Mensch selbst fällt vielleicht auch irgendwann darunter (Stichwort «Künstliche Intelligenz»). Egal, ob man diese Entwicklungen nun als gut oder schlecht empfindet, es stellt sich die simple Frage, ob diesem Trend überhaupt entsprechende (Human-)Kapazitäten gegenüberstehen. Und die Antwort darauf ist ein klares «Nein», besonders was Europa betrifft – und hier schlägt nun der freie (Arbeits-)markt gnadenlos zu.

Denn Automations-/IT- Spezialisten lassen sich nun einmal nicht so schnell «produzieren» wie der Nachfragemarkt wächst. Jeder vorsichtig kalkulierende Unternehmer sollte daher heute davon ausgehen, dass erfahrene Automations-/IT-Spezialisten, welche zur Anlagenwartung und -betreuung einer Automationslösung jedenfalls benötigt werden, zukünftig zumindest dreimal so viel kosten werden wie ein klassischer Mitarbeiter im Bereich Logistik und/oder Produktion. Sowohl der Mitarbeiterbedarf an Automations-/IT-Spezialisten, wie auch die dafür wesentlich höheren Kostenansätze sollten also in jede seriöse Wirtschaftlichkeitsberechnung einer Automationslösung einfliessen, selbst wenn die Wartung hauptsächlich extern über Dienstleister bevorzugt wird. Denn egal ob extern oder intern, es sollte davon ausgegangen werden, dass die Betreuungs- und Wartungskosten für Automationslösungen überproportional ansteigen werden.

Fazit

Die heutigen Möglichkeiten der Automation sind nahezu unbegrenzt – und versprechen eine Vielzahl potenzieller Vorteile wie Qualitätsverbesserungen, erhöhte Durchlaufzeiten, erweiterte Produktionszeiten (Sichtwort: «Roboter schlafen nicht – und sie brauchen auch keinen Urlaub») sowie letztendlich Kosteneinsparungen. Gerade die Vielzahl an Automationsmöglichkeiten macht es aber zugleich auch immer komplexer, die jeweils richtige Lösung für ein Unternehmen zu finden. Jeglicher Konzeptansatz sollte daher vorab eingehend und ganzheitlich geprüft werden, ebenso wie hier ausreichend Zeit für Planung und Evaluation sowie auch genügend interne Personalressourcen (idealerweise vom Tagesgeschäft entbunden). Zeit und Kosten werden am Ende gut investiert sein!

Bleiben Sie trotz der aktuellen Nervosität und Unsicherheit aufgrund des rasanten technologischen Fortschritts gelassen und versuchen sie nicht, ein Automationsprojekt alleine durch eine allzu simple (Mitarbeiter-) Kostenbetrachtung zu rechtfertigen, bevor die aktuellen Prozesse nicht gesamthaft durchleuchtet wurden – die Gesamtkosten könnten am Ende sogar höher sein. Vermeiden Sie ebenso, alleine auf Geschwindigkeit zu setzten, nur um so schnell wie möglich eine Automationslösung vorweisen zu können – es gibt keinen Grund zur Panik! Alleine schon aufgrund begrenzter Kapazitäten im globalen Automationsmarkt wird es noch länger dauern, bis die heutigen technischen Möglichkeiten auch tatsächlich in nennenswertem Umfang realisiert werden.



Automatisierung liegt im Trend. Aber ist es immer der richtige Lösungsansatz? (Bild: AdobeStock)


Manche Probleme werden (alleine) durch Automation nicht gelöst werden. (Bild: AdobeStock)


Nicht jede aktuelle Idee macht auch Sinn und wird sich bald durchsetzen. (Bild: AdobeStock)